Studio 49: Perfekter Ton beim Vibraphon

Die im vergangenen Jahr begonnene Reise zum Ursprung des Klangs (www.ursprungdesklangs.de) wurde 2013 erfolgreich fortgesetzt: Am 24. September machte die von Sennheiser, Neumann und Lawo/Innovason initiierte Seminar-Roadshow im Gräfelfinger Studio 49 Station. Die zahlreich angereisten Teilnehmer konnten in den Räumen des renommierten Musikinstrumentenherstellers die Fertigung von Vibraphonen aus nächster Nähe miterleben.

Herbert Hammer macht die Welle – die Vibratowelle, um genau zu sein. Mit handwerklichem Geschick, höchster Präzision und exakt dosiertem Kraftaufwand bringen muskulöse Arme den langgestreckten Metallstab mitsamt der daran befestigten Flügel in die vorgesehene Position. Mittellager werden eingebaut und vorjustiert, Endlager mit Schraubschlüssel und Schraubendreher fixiert. Ein kurzer Check – alles bestens! Die Welle dreht sich flüssig ohne jedes Hemmnis, Störgeräusche sind dank der mit harzfreiem Öl geschmierten Lagerung sowie eines lautlos arbeitenden Elektromotors nicht zu vernehmen. Ein bis zwei Tage muss sich die Welle nun in Dauerrotation bewegen, bevor das Instrument in weiteren Arbeitsschritten fertig gestellt wird und als Vibraphon von Weltklasse das Label „Studio 49 – Royal Percussion“ erhält.

Fine-Tuning
Wie die meisten seiner Kollegen ist Herbert Hammer seit Jahren im Studio 49 tätig und hat die komplexen Arbeitsgänge perfekt verinnerlicht. Erfahrung und handwerkliches Können stehen bei der Fertigung im Fokus – Maschinen unterstützen den Prozess an sinnvollen Stellen, aber die letztlich für den besonderen Klang entscheidenden Faktoren werden stets von Menschenhand bestimmt. So auch im Untergeschoss des großzügigen Flachbaus, wo die metallenen Klangstäbe des späteren Vibraphons in einer Kabine akribisch genau gestimmt werden. „Entscheidend ist der Stimmbogen, denn er bedingt den schönen Ton“, verrät ein Mitarbeiter, bevor er sich erneut seiner Aufgabe zuwendet und die bogenförmige Auskehlung an der Unterseite eines Klangsstabes feinfühlig erweitert. „Rein physikalisch betrachtet könnte man die Stäbe auch ganz simpel auf Länge schneiden, aber das wäre vom Sound her kein Vergleich!“

Das Prinzip des Stimmens basiert auf dem behutsamen Entfernen von Material an der Unterseite jedes Klangstabes. Viel Erfahrung ist in diesem Zusammenhang gefragt, da ein zu großzügiges Abschleifen den Stab unbrauchbar macht – eine irgendwie geartete Reparatur ist diesem Fall nur noch im begrenzten Umfang möglich. Im Studio 49 wird nicht nur der Grundton gestimmt, sondern es wird darüber hinaus auf Obertonreinheit geachtet – bis hinauf zum dritten Oberton! Vom Stimmer sind manuelles Feingefühl und viel Erfahrung gefordert, um Grundton wie Obertonstruktur treffsicher in das Material einzuarbeiten. Visuelle Unterstützung leisten Anzeigen von Strobo-Tunern, von denen zwecks Abdeckung der relevanten Frequenzbereiche gleich mehrere Modelle zum Einsatz kommen.

Röhren & Nieten
In einer anderen Abteilung des Studios 49 wird unterschiedlichen Aluminiumwerkstücken zu Leibe gerückt. Rohr-Rohlinge werden in einer Presse an ihrem oberen Ende mit zwei sauber entgrateten Kerben versehen, welche später der Führung der Vibratowelle dienen. Im nächsten Arbeitsschritt wird ein so genannter „Topf“ in die Röhren eingepresst – jeder Ton des Vibraphons verlangt physikalisch bedingt nach einer individuellen Röhrenhöhe. Die Röhren dienen als Resonatoren und sorgen dafür, dass der Klang kräftig ertönt – sie garantieren jene Durchsetzungsfähigkeit, die Vibraphon-Einsätze im orchestralen Kontext überhaupt erst möglich macht. Durch den Anschlag wird der Klangstab in Schwingung versetzt und die Luftsäule in der darunter befindlichen Röhre zum Schwingen angeregt. „Die Röhren sind für die intensive Klangverstärkung verantwortlich“, erläutert Bernd Becker-Ehmck, Geschäftsführer der Studio 49 Musikinstrumentenbau GmbH.

Liebe zum Detail
Das am 28. Februar 1949 gegründete Studio 49 blickt auf eine lange Tradition zurück, die ihren Ursprung in der Fertigung von Instrumenten nach Ideen des Komponisten Carl Orff hat. Ab 1961 waren die Erfahrungen im Bau von Stabspielen derart weit vorangeschritten, dass das Produktportfolio um Orchesterinstrumente erweitert wurde, darunter Vibraphon, Marimbaphon, Konzertxylophon und Konzertglockenspiel. Heute runden Instrumente wie Djembe oder Cajon das Portfolio des Studios 49 ab. Gefertigt wird mit viel Liebe zum Detail in kleineren Serien: „Durch den Umstand, dass wir sämtliche Teile im eigenen Haus herstellen, haben wir eine hundertprozentige Kontrolle über die Qualität der einzelnen Bauteile und somit letztlich auch über die Qualität des gesamten Instrumentes“, sagt Bernd Becker-Ehmck.

Vom Klang zum Sound
Nach einem interessanten Rundgang durch das Studio 49 zog ab 14:30 Uhr das Vibraphonspiel von Jürgen Schieber die Aufmerksamkeit der Seminarteilnehmer auf sich: Gekonnt ließ der versierte Instrumentalist ein Vibraphon mit goldfarben lackierten Klangplatten erklingen – selbstverständlich stammte das Instrument aus dem Portfolio des Studio 49. In Abstimmung mit Diplom-Tonmeister Marcel Babazadeh (International Sales Manager Lawo/Innovason), der seine Ausführungen unter den Claim „Vom Klang zum Sound“ gestellt hatte, brachte Schieber nach einer musikalischen Einstimmung die Auswirkung diverser Schlägeltypen zu Gehör: Die Klangunterschiede fielen frappierend aus, und weiche Schlägelköpfe, die an den Bass-Klangplatten wunderschöne, sonor tönende Ergebnisse lieferten, führten bei den höheren Tönen schnell zu einem undifferenzierten Klangbild. Nicht wenige Vibraphonisten mischen ihre bis zu vier gleichzeitig genutzten Schlägel – meist weich im Bass und hart in den Höhen, aber auch als 1+2+1-Zusammenstellung. Eine vollkommen andere Klangfarbe ergibt sich, wenn die Klangplatten nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Stiel der Schlägel zum Schwingen gebracht werden. Welche Schlägel zu wählen sind und wie sich der perfekte Vibraphonklang anhört, macht sich laut Jürgen Schieber „letztlich am jeweiligen Musikstück fest“.

Jürgen Schieber demonstrierte die klanglichen Auswirkungen unterschiedlicher Anschlagarten und Anschlagpunkte; besondere Spieltechniken wie das so genannte „Bending“ wurden ebenfalls in Theorie und Praxis erörtert. Die sich über die gesamte Breite des Vibraphons erstreckende Pedaldämpfung wurde probehalber durch eine selektiv anwendbare Schlägeldämpfung ersetzt. Interessante Wah-wah-Effekte wusste Jürgen Schieber mit der Hand sowie seiner zu einem Hohlraum geformten Rachenhöhle zu erzeugen – beinahe schon konventionell wirkte im Gegensatz dazu die Klangmodulation durch die sich drehende Vibratowelle. Jürgen Schieber empfiehlt, die Geschwindigkeit des Vibrato-Effekts an das Tempo der Musik anzupassen, weshalb er Instrumente mit stufenlosem Speed-Regler bevorzugt.

Mit besonderer Spannung wurde im Anschluss der angekündigte Praxisteil zur Mikrofonierung des Vibraphons erwartet: Interessante Klangergebnisse zeitigte ein Großmembranmodell, das zusätzlich zur aus zwei Sennheiser MKH 8040 (an digitalen Speisemodulen des Typs MZD 8000) zusammengesetzten A/B-Anordnung nahe der Bass-Klangplatten zwischen den Resonanzröhren aufgestellt wurde. Während des Seminars fiel die Wahl auf ein Neumann TLM 103 D, das für spürbar mehr „Wärme“ und „Bauch“ im Klangbild sorgte. Unter fachkundiger Anleitung von Marcel Babazadeh und Martin Liermann, Productmanager der Sennheiser Vertrieb und Service GmbH & Co. KG, wurden die Möglichkeiten einer ganz besonderen Mikrofonierungsvariante erkundet: In Knetgummi gelagerte Sennheiser Miniaturmikrofone des Typs MKE 2 wurden rutschsicher mit Pflaster an den Händen von Jürgen Schieber befestigt. Der Gedanke: So nah wie möglich am Geschehen sollte sich diese spezielle Mikrofonierung auch in lauten Umgebungen (Stichwort: Rock-Band plus Orchester) einsetzen lassen.

Als Gastreferent konnte für den achten UdK-Termin Werner Schmidl gewonnen werden. Der sympathische Tonfachmann wurde in der Vergangenheit bereits für Künstler wie Herbert Grönemeyer, Peter Maffay, Rondo Veneziano, die Harlem Gospel Singers und die Scorpions am Mischpult aktiv. Mit zahlreichen Tricks aus seiner langjährigen Praxiserfahrung traf Werner Schmidl den Nerv der Seminarteilnehmer. Der Audioprofi betonte, dass „guter Sound“ stets eine höchst subjektive Angelegenheit ist: „Optimal ist es, wenn mit dem Sound in der Halle der Geschmack der Mehrheit des Publikums getroffen wird.“ Für Werner Schmidl ist die Arbeit am guten Ton Beruf und Berufung zugleich: „Wir sind Dienstleister, und im Gegensatz zu manch anderen Berufsständen machen wir Menschen mit unserer Arbeit glücklich!“

Leidenschaft für guten Sound
Ties-Christian Gerdes, Geschäftsführer der Sennheiser Vertrieb und Service GmbH & Co. KG, äußerte sich zur nunmehr achten Station der UdK-Reihe wie folgt: „Im Studio 49 war unter fachkundiger Führung von Bernd Becker-Ehmck einmal mehr zu erleben, wie Materie zu Klang wird. Jenseits ausgesuchter Materialien und hochwertiger Handwerkskunst ist es die Leidenschaft für guten Sound, die uns alle täglich aufs Neue zu Höchstleistungen anspornt – beim Bau hochwertiger Vibraphone ebenso wie bei der Konstruktion exzellent klingender Mikrofone.“

Ein Video zum achten Termin finden Sie hier:
https://vimeo.com/77118113

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