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Aaron Thier

Alles nur Technik?

Der 1981 geborene Österreicher Aaron Thier gehört schon seit einiger Zeit zu den jungen Stars der sogenannten Drummer's-Drummer-Szene. Dass es dort natürlich auch um ein Höher-schneller-weiter und bisweilen aberwitzige Trommeltechnik geht, ist Gemeinplatz.

Aaron Thier

Doch Thiers Ansatz ist – obwohl er die genannten stilistischen Vorgaben mit spielerischer Leichtigkeit bedienen kann – sehr viel weiter gefasst. Denn es gibt freilich einiges mehr als die 'perfekte Technik' – nämlich Musik! Diese ist es letztlich, die Thier auch ins Zentrum stellt. Ganz davon abgesehen kennt man Aaron Thier übrigens auch als den 'Mann mit dem Anhänger', den er stets im Einsatz hat, um sein umfangreiches Kit von Gig zu Gig zu kutschieren. Beide sind längst irgendwie zu seinem Markenzeichen geworden – und beide hat er fest im Griff...

Aaron Thier

Aaron, du stammst aus einem musikalischen Haushalt. Da ging's schon früh los für dich, richtig?!

»Ja, auf jeden Fall. Mein Vater war ebenfalls Trommler und spielte in einer professionellen Tanzkapelle. Als Dreijähriger saß ich also schon einmal am Set und hatte auch gleich Spaß daran. Dazu kamen natürlich die obligatorischen Kochtöpfe nebst Messer und Gabel [lacht]. Krach zu machen, das machte halt Spaß.«

Mit fünfzehn Jahren ging's dann auch für dich erst einmal in Richtung Covermusik?

»Genau. Damals bin ich in eine professionelle Coverband eingestiegen. Aber es gab schon früh auch Bands wie zum Beispiel Mesiac, in denen wir eigene Songs geschrieben haben. Bei der eigentlichen Coverband [Kixx] hatten wir bereits eine große PA und Backliner zur Verfügung, und mit dieser Band konnte ich schon recht früh eigenes Geld verdienen. Zu dieser Zeit habe ich auch schon ein Privatjahr bei einem Lehrer gemacht. Damit war ich sehr gut vorbereitet auf das Jazzstudium und konnte mit sechzehn Jahren schon damit anfangen. Die Schulausbildung spielte dann, so ab dem neunten Schuljahr, keine große Rolle mehr [lacht].«

Du hast also schon früh alles auf eine Karte gesetzt?

»Ja. Ich hatte ja wie gesagt schon etwas Geld verdient und wusste genau, was ich machen und wovon ich leben wollte. Irgendwie hat sich mein Blick schon immer ganz auf die Musik gerichtet.«

In Deutschland bist du ja mittlerweile vor allem als Solotrommler bekannt. War es schwer, gerade in diesem Bereich Fuß zu fassen?

»Klar. Es war natürlich eine sehr große Herausforderung: Nach dem dreijährigen Studium in Graz habe ich noch zwei Jahre in Eisenstadt studiert, und mein dortiger Lehrer, Richard Filz, hat mich letztlich sehr für diese ganze Geschichte motiviert. Deswegen habe ich dann auch eine Demo-DVD produziert. Ich wollte schließlich irgendwie in der Drummer's-Drummer-Szene Fuß fassen, und dazu braucht man – wie man ja weiß – die Unterstützung von Firmen. Ohne diese kannst du zum Beispiel nicht bei Drumfestivals oder so auftreten. 2004 habe ich deswegen diese Demo-DVD gemacht – alles auf die eigene Kappe. Mit diesem Ding bin ich dann auf die Frankfurter Messe gegangen und habe es verteilt. So kam ich dann letztlich zu meinem Endorsementvertrag, und seither gebe ich Clinics und spiele auf Drumfestivals.«

Wie gehst du inhaltlich an deine Soloauftritte heran?

»Ich habe natürlich immer einige Playbacks auf Lager, mit denen ich arbeiten kann. Diese versuche ich immer so vielseitig wie irgend möglich zu gestalten, weil ich ja von den Soloshows abgesehen auch in vielen unterschiedlichen Stilistiken spiele. Daneben gibt's dann natürlich die eigentlichen Soli, die oft auf Fußostinati und Unabhängigkeitsgeschichten aufbauen. Danach kommt meist eine Frage-Antwort-Runde, bei der jeder Besucher Informationen über mich, meine Projekte und zum Beispiel meine Übeweise bekommen kann. Es kommt immer auf die Situation an, was wieviel Zeit in Anspruch nimmt. Ich kann aber in der Summe natürlich auch nur das zeigen, was ich so mache [lacht] und wie ich persönlich an das ganze Zeug herangehe.«

Für mich ist es einfach wichtig, dass die Trommeln wirklich sprechen.

Übst du heute noch sehr viel?

»Sagen wir's mal so: In meiner Jugend [lacht] habe ich schon sehr, sehr viel geübt. Da waren es schon mal sieben bis neun Stunden täglich. Heute komme ich – vorausgesetzt, ich habe Zeit – auch schon hier und da noch auf etwa fünf Stunden. Meist pendele ich mich aber bei zwei bis drei Stunden ein. Natürlich gibt's mittlerweile auch mal Tage, an denen ich nichts mache.«

Wie nimmst du die momentane Szene bei Workshops und Clinics wahr? Stehst du da als 'neuer' Performer nicht sehr unter Druck?

»Nun ja, man merkt schon, dass die Messlatte immer höher hängt. Wenn du allein mal an die letzten zehn Jahre denkst – was da nicht alles passiert ist. Das ist schon enorm! Hart ist natürlich, dass die Kids mit dir wachsen, was die Spirale angeht, und ziemlich genau wissen, was gerade wo abgeht. Damit liegt auch die Erwartung sehr hoch. Das Problem ist nur, dass wenn ein Trommler mal voll auf den Punkt oder mit Absicht 'besonders musikalisch' trommelt, das bei den jüngeren Kids zumindest nicht mehr so wirklich ankommt. Sie erwarten einfach ein höheres Maß an Virtuosität und möglichst viele Showelemente. Ich zumindest habe diesen Eindruck. Man will halt einfach die ganze 'Zirkusshow' sehen: je schneller, desto geiler – und dann natürlich Stocktricks und dieses ganze Zeug. Da kann man schon den Eindruck bekommen, dass sich die ganze Szene ein wenig in die falsche Ecke bewegt. Ich meine, ich selbst mag Solodrumming und wollte das auch schon immer machen, aber für mich persönlich wird der Bandkontext trotzdem immer wichtiger sein. Genau das möchte ich bei aller Virtuosität auch bei den Festivals oder meinen Workshops herüberbringen. Daher auch die jazzigen und groovigen Playbacks. Du brauchst schließlich immer einen musikalischen Kontext, und der sollte eben möglichst breit gefächert sein.«

Wohin, denkst du, wird sich diese Szene in den nächsten Jahren entwickeln?

»Das ist schwer zu sagen. Ich persönlich hoffe, dass das Ganze wieder ein bisschen musikalischer wird. Es hat sich mittlerweile doch alles recht stark in eine 'angenagelte' Richtung entwickelt: Alles muss so 'tight' wie möglich und mindestens genauso kraftvoll sein! Wenn man sich jedoch Trommler wie Tony Williams, Billy Cobham oder Vinnie Colaiuta anhört, dann steckt da eben doch merklich mehr Fluss drin! Man muss sich nur einmal anhören, wie diese Kaliber einen ganz normalen Groove spielen! Ich habe heute den Eindruck, dass die ganze Szene sich oftmals ein bisschen zu herzlos anfühlt. Zumindest in gewissen Sachen. Alles ist extrem auf die technische Schiene gerutscht. Ich meine, eine mehr oder weniger perfekte Technik kann natürlich nie schaden [lacht], und jeder hat wohl auch dieses Ziel, aber es geht noch viel mehr noch um die kleinen Nuancen, in denen sich das Feeling bewegt. Das ist die eigentliche Musikalität, und diese Dimension ist heute meines Erachtens schon ein bisschen unterdrückt. Das sollte in meinen Workshops also verstärkt herüberkommen. Hoffe ich zumindest [lacht]. Ich habe ja auch meine verschiedenen Bands wie das Jazzfusion- [Taucher-Wendt-Thier-Trio] oder das Elektronikpopprojekt Blockwerk. Dazu kommen auch reine Jazzgigs mit kleinem Set [lacht], Studiosachen oder die Percussiongruppe Studio Percussion aus Graz. Insgesamt spiele ich definitiv mehr Bandgeschichten als Soloworkshops.«

Aaron Thier

Aber schwerpunktmäßig im österreichischen Raum, oder?!

»Ja schon. In Deutschland war ich bislang halt vornehmlich als Workshoptrommler auf Drumfestivals unterwegs. Aber in den nächsten ein, zwei Jahren sollte sich auch hierzulande einiges in der Bandrichtung tun. Mal schauen.«

Ist es schwer, mit deinen Projekten aus Österreich herauszukommen?

»Nein, eigentlich nicht. Es hat sich nur bisher noch nicht ergeben, dass ich mit meinen Bands Gigs in Deutschland gespielt hätte. Mit dem Studio-Percussion-Projekt gibt es allerdings immer wieder kleine Touren oder Gigs im Ausland. Demnächst möchte ich auch mein Jazzfusiontrio gerne mit auf Drumfestivals nehmen. Daran arbeiten wir zurzeit. – Es gab bislang ja schon einige internationale Acts, die aus Österreich kommen. Denk nur an Falco oder Opus im Pop-Rock- oder einen Wolfgang Muthspiel im Jazzbereich. Ich habe den Eindruck, dass die österreichische Szene immer größer und auch internationaler wird. In der Trommlerszene gibt's natürlich Thomas Lang und Christian Eigner, die zunächst in Österreich bekannt geworden sind.«

... aber beide nicht in Österreich geblieben sind. Möchtest du auch mal von dort weggehen?

»Ja, auf jeden Fall. Das war schon immer mein Ziel. Aber zuerst möchte ich in der Drummer's-Drummer-Szene noch so einiges abliefern und bekannter werden. Dazu kommen meine anderen Projekte, mit denen sich derzeit einige Möglichkeiten auftun. Ganz neue Sachen gibt's auch. Momentan passiert also einiges, so dass ich erst einmal dranbleiben will. Los Angeles und New York würden mich aber schon sehr interessieren. Keine Frage.«

Du reist in den meisten Fällen mit deinem großen Set?

»Nun ja, wenn ich mal einen reinen Jazzgig spiele, habe ich natürlich auch ein kleineres 18-12-14- oder 18-12-16-Set dabei. Aber für alles, was sich ab Jazzfusion aufwärts bewegt, nehme ich das große Set mit zwei Bassdrums, vier Hänge-, zwei Standtoms, zwei Snares – das gehört irgendwie bei mir dazu.«

Du hast von Anfang an ein großes Set gespielt, richtig?!

»Ja. Eine ganz witzige Geschichte eigentlich: Mein Vater hat mir als Siebenjähriger sein altes Sonor-Signature-Set geschenkt, und das hatte vier Hängetoms, eine Standtom und eine Bassdrum. Anfang der Neunziger waren dann natürlich auch bei mir Metallica und Lars Ulrich angesagt, und mir fehlten dafür zwei Sachen: die jeweils zweite Bassdrum und Floortom. Weihnachten war nicht weit, und so kam eins zum anderen. Seit ich zehn Jahre alt war, spiele ich dieses große Set. Warum sollte ich das also heute ändern? Ich mag es einfach. Gut, die Schlepperei ist natürlich pervers, aber hin und wieder gibt's ja auch Backliner [lacht]. Den Extrapedalkram, Gongdrum und Minitimbales verwende ich jedoch nur für Clinics.«

Du hast bei deinem kompletten Set immer eine sehr offene Stimmung. Kannst du die ein bisschen erläutern?

»Für mich ist es einfach wichtig, dass die Trommeln wirklich sprechen und sehr offen klingen. Bei meinen Bassdrums zum Beispiel benutze ich deswegen auch ein geschlossenes Frontfell. Das kommt ein wenig von Simon Phillips, Billy Cobham und Terry Bozzio. Ich mag einfach diesen offenen Bassdrumsound. Für die Mikroabnahme habe ich allerdings ein eingebautes System. An der Schlagfellseite benutze ich ein klares, an der Resonanzseite ein weiß-raues Ambassador. Das ist für mich einfach eine schöne Mischung. Wenn man die 24" Bassdrums so spielt und entsprechend stimmt, klingen sie – auch wenn man sie leise einsetzt – sehr angenehm, weich und luftig.«

Wie genau stimmst du die Bassdrums so offen?

»Ich habe natürlich ziemlich lange herumgeschraubt, live und im Studio experimentiert. Bei der Coverband hatten wir immer eine große PA zur Verfügung, und ich hatte genug Gelegenheiten und Zeit zu probieren. Außerdem hatte der Leiter dieser Band sein eigenes Tonstudio. Kurzum, perfekte Bedingungen zum Tüfteln! Irgendwann hatte ich dann einen für mich universell einsetzbaren Sound gefunden und habe mit dem Klavier die genauen Töne der beiden Felle gesucht. Beim Resofell war es ein C#. Dann habe ich das Resofell abmontiert, den Dämpfer vom Schlagfell entfernt und dort gehört. Dessen Ton war ein A. Das Reso- war also etwa zwei Töne höher als das Schlagfell. Genau auf diese beiden Töne stimme ich auch heute noch meine Bassdrums, und so bekomme ich den immer gleichen Sound. Live mache ich das mit einer Stimmgabel, die mir direkt ein A liefert. Von diesem Ton gehe ich dann aus. Gott sei Dank hatte ich ja auch ein bisschen Stimm- und Gehörbildung in der Hochschule [lacht].«

Und wie sieht's beim Rest vom Kit aus?

»Bei den Toms stimme ich Resonanz- und Schlagfelle eher gleich. Oben habe ich ein Coated- und unten ein Clear-Ambassador aufgezogen. Auf meinem kompletten Set sind also überall einschichtige Felle. Das funktioniert für mich momentan einfach am besten. Von der Stimmung her liegen meine Toms auch schon recht hoch, denn bei so vielen Trommeln musst du einfach ein bisschen höher stimmen, damit die tiefste Tom nicht nur noch flattert und ein Donnerwetter liefert.«

Wie soll's in Zukunft für dich weitergehen?

»Neben den Workshops und Clinics gibt es so einige Studioprojekte, zum Beispiel mit meinem Trio oder mit der Band Blockwerk. Es haben sich schon einige Sachen aufgetan, und es wird sicher noch mehr dazukommen. Es geht insgesamt ganz gut voran. Spieltechnisch gibt's natürlich auch noch so einige Ideen – aber die muss ich erst einmal üben. Also, ab in den Proberaum [lacht]!«

Aaron Thier

EQUIPMENT

Aaron Thier:
Drums: Taye Studio Maple
24˝ x 18˝ Bassdrum (2)
10˝ x 8,5˝, 12˝ x 9˝, 13˝ x 10˝ und 14˝ x 11˝ Racktoms
16˝ x 16˝ und 18˝ x 16˝ Floortoms
14˝ x 5˝ Snare (Stahl) oder 13˝ x 5˝ (Maple)
10˝ x 4˝ Sidesnare (Stahl)

Zusatz:
20˝ x 16˝ Gongdrum (mit 23˝ Timpani-Fell)
6˝ und 8˝ Minitimbales
10˝ Timbal (linker Fuß)

Cymbals: Anatolian
22˝ Natural-Ride (links)
20˝ Emotion-Ride (rechts)
19˝ Ultimate-Crash
18˝ Diamond-Crash
16˝ Diamond-Crash
10˝ Baris-Splash
8˝ Diamond-Splash
14˝ Ultimate-Crash (darauf 14˝ Ultimate-China)
18˝ Expression-China (darauf 16˝ Expression-China)
13˝ Ultimate-Hihat
12˝ Ultimate-Hihat

Zusatz:
11˝ Ultimate-Bell (darauf 10˝ Baris-Splash als Kabelhihat)
Felle: Remo
Sticks: Vater

INTERNET

Weitere Infos gibt es unter:
Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.aaronthier.com



Interviews aus drums&percussion September/Oktober 2009