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Floating Feet und gelachte Claves:

Die erste »World Percussion Academy« in Heek – ein Teilnehmerbericht

Heike Hagenlüke hat an der ersten »World Percussion Academy« teilgenommen und folgenden Bericht aus einer ganz persönlichen Perspektive geschrieben: »Sonntag, 1. Juli 2012, 15.30 Uhr im Probesaal der Landesmusikakademie NRW in Nienborg bei Heek. 40 Augenpaare blickten erwartungsvoll auf Antje Valentin, Bernhard van Almsick und José Cortijo. Sie erläuterten den Ablauf der ersten »World Percussion Academy« in Deutschland, vielleicht sogar weltweit.
Vor zwei Jahren hatte José J. Cortijo, der erste und bisher einzige Professor für Percussion in Deutschland an der Musikhochschule Mannheim, die Idee zu dieser Woche unter dem Motto »Percussion first! Eine Woche, vier Kontinente, sieben Dozenten«. Die damals frisch gebackene Leiterin der LMA, Antje Valentin, vertraute dabei dem Urteil und der Begeisterung des erfahrenen LMA-Bildungsreferenten Bernhard van Almsick, der Cortijo schon seit vielen Jahren als äußerst beliebten Dozenten kannte.

Welche Vielfalt uns Teilnehmern das Programm bot, konnten wir am Anfang nur erahnen. Unsere Truppe war bunt gemischt – vom 13-jährigen Trommeltalent bis hin zum Pensionär, der percussiv noch mal richtig durchstarten will. Von Trommel-, Gitarren-, Schlagzeuglehrern bis zum Steeldrum-Player, von Logopädin, Betreuerin in einer Behinderteneinrichtung, Erzieherin bis hin zur Toningenieurin. Es hatten sich sowohl Anfänger mit mehr musikalischer Vorbildung als auch erfahrene Percussionprofis eingefunden. Und dem späteren Feedback zufolge hat jede und jeder bei dieser World Percussion Academy viel lernen können. Denn wir wurden von sieben hervorragenden Lehrern unterrichtet, die uns ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten nicht nur in einem furiosen Dozentenkonzert zeigten: Prof. José J. Cortijo (künstlerische Leitung und Small-Percussion), Ramesh Shotam (indische Percussion), Martin Verdonk (afro-kubanische Percussion), Juan Carlos Melian (Cajón, Flamenco), Dudu Tucci (brasilianische Percussion), Murat Coşkun (türkisch-arabische Percussion) und Billy Nankouma Konate (afrikanische Percussion).

Der Unterricht begann täglich mit einem Vortrag von einem oder zwei Dozenten zu ihrer Fachrichtung. Es folgten die individuell ausgewählten Workshops, ein Ensemble bei jedem Dozenten sowie abendliche Konzerte oder Sessions. Nachdem jeder von uns zwei als Schwerpunktworkshops ausgesucht hatte, ging es gleich am Sonntagnachmittag los.

Ich persönlich vertiefte den kreativen Umgang mit den kleinen Percussionsinstrumenten bei José. Als Sängerin und angehende Musiktherapeutin hat es mir richtig viel Spaß gemacht, den Umgang mit Triangel, Maracas, Shakern, Guiro, Cabasa, Schellenkranz u.a. von diesem absoluten Könner zu lernen. Dabei habe ich aus erster Hand erfahren, dass manche von Josés beeindruckenden percussiven Kunststücken ursprünglich aus Fehlern entstanden sind. Diese interessant klingenden ›Fehler‹ haben ihn dann nicht mehr losgelassen, bis er sie zum eigenen neuen Sound weiterentwickelt hat. Josés Tüftlerdrang, neue Möglichkeiten in Vorhandenem zu entdecken, hat inzwischen zu ganz neuen Instrumenten wie z.B. dem Tampeiro (Kombination von Tamburin und Pandeiro) geführt. Aber das dieser temperamentvolle Spanier, der nach eigenen Angaben seit 29 Jahren »Urlaub in Deutschland« macht, sich nicht auf diesen Erfolgen ausruhen wird, da bin ich mir ganz sicher!

Martin Verdonks ruhige und geduldige Art zu unterrichte, lernte ich in meinem zweiten Workshop schnell schätzen. Ihm sind die Sounds am wichtigsten – nicht, wie laut jemand spielen kann, ist ausschlaggebend für Können. Seiner Erfahrung nach ist Talent nur ein kleiner Part dabei, wie gut jemand spielen kann. Es ist wichtiger, zielgerichtet zu üben und viel zu spielen. Seine Schwielen an den Händen demonstrierten uns deutlich, wo sich die richtigen Kontaktpunkte mit den Conga- und Bongofellen befinden. Anschaulich hat Martin uns von dem Moment erzählt, als er das erste Mal die Batá-Trommeln auf Kuba sah und hörte. Sie haben ihn sofort in den Bann gezogen. Er hatte nur noch das eine Ziel – sie spielen zu können. Was ihm mit Hilfe seines in Kuba sehr berühmten Lehrers Mario »Aspirina« Jáuregui zweifellos gelungen ist. Diese ungewöhnlichen Trommeln sind sanduhrförmig und an den jeweils unterschiedlich großen Enden mit Fell bespannt. Zum Spielen werden sie auf die Knie gelegt. Eigentlich wurden sie nur bei feierlichen Zeremonien zu Ehren afrikanischer Gottheiten gespielt. Erst seit relativ kurzer Zeit erklingen sie auch außerhalb religiöser Feste. Es gibt drei Trommeln. Die Größte ist »iyá« (die Mutter) und die Mittlere »itólele« (die Antwortende). Ich habe mich gefreut, dass auch ich einmal die kleinste, die »okonkolo« (das Kind), spielen durfte. Ein traditionelles Lied dafür, die Toque, besteht aus mehreren rhythmischen Abschnitten, die meist von einem Sänger übergeleitet werden, was Martin höchstpersönlich beim Teilnehmerkonzert übernahm. Für Batá-Trommler ist eine mindestens 7-jährige Lehrzeit üblich. Dafür, dass wir Schüler alle keinerlei Erfahrung mit dieser Trommelweise hatten, hörte sich der Rhythmus meiner Empfindung nach eigentlich schon ganz gut an – na ja, für »Nichtkubaner« …

Die Gelegenheit, auch einen kurzen Einblick in die Welt der türkisch-arabischen Musik zu bekommen, erhielt ich bei dem Besuch einer Workshopeinheit von Murat Coşkun. Die Schwingungen seiner schwarz bespannten Rahmentrommel hatten mich schon während des Dozentenkonzertes direkt »im Bauch getroffen«. Es war ein Erlebnis, jetzt selbst eine dieser flachen, großen Trommeln in der Hand zu halten. Besonders interessant fand ich die Technik, mit einem bestimmten Fingerschnipsen einen deutlichen Akzent am Trommelrand zu erzeugen. Murat macht neue Musik auf traditionellen Instrumenten. Und irgendwann wird diese im Laufe der Zeit auch wieder zur Traditionsmusik werden, da ist er sich sicher. Zu dieser Rhythmik kommen ganz natürlich Tanz und Gesang, was er während seines Vortrages immer wieder verknüpfte. So kamen wir als seine Schüler auch ganz schnell vom Sitzen ins Tun.
In seinem Vortrag nahm uns Billy Nankouma Konate in sein Dorf nahe Conakry in Guinea mit, seiner Heimat. Diese Energie, diese Freude am Trommeln die er ausstrahlt, sprang sofort auf uns über. Wir haben getanzt, dabei gezählt – was in Afrika gar nicht so üblich ist – und gesungen. Er hat uns gelehrt, dass jeder Mensch Rhythmus hat – nicht ›nur‹ Afrikaner. Es ist seiner Ansicht nach die Übung, die das Rhythmusgefühl hervorbringt und stabilisiert. Da wir Europäer meist erst relativ spät in unserem Leben damit in Berührung kommen, fällt es uns eben etwas schwerer. In Afrika nehmen schon die allerkleinsten Kinder jede Gelegenheit wahr, spielerisch Musik zu machen. Doch er hat für uns alle die Hoffnung, dass auch wir das noch schaffen...

Dudu Tucci führte uns durch die Geschichte der brasilianischen Musik. Die hat ihre Wurzeln in den Rhythmen der afrikanischen Sklaven aus dem Kongo. Sie brachten die Grundrhythmen der heutigen Sambapattern mit. Das mischte sich mit den Klängen der brasilianischen Indianer und der portugiesischen Eroberer. Für Dudu ist es sehr wichtig, mit der Seele die Rhythmen zu erfassen und zu erleben. Für ihn ist alles, was sie öffnet und blühen lässt, gut. Er empfindet auch die Musik auf metaphysischer und philosophischer Ebene. Möchte uns anregen, sie direkt in unsere Herzen treffen zu lassen, ein gutes Gefühl daraus erwachsen zu lassen, darauf Freundschaften zu gründen. Denn die eigene Freude und das Lachen kann niemandem weggenommen werden. Das haben die Brasilianer aus der Zeit der Sklaverei verinnerlicht. Und die Samba ist bis heute der lebendige Ausdruck dafür.

Juan Carlos Melian, ein begnadeter Flamencospieler, nicht nur auf der Cajon. Er hat versucht, uns die ziemlich ungewöhnliche Zählart, das Geheimnis der Buleria, beizubringen. Ungewöhnlich deshalb, weil wir, auf Deutsch, nicht mit der Eins anfangen müssen zu zählen, sondern mit der Zwölf. Auf Spanisch wäre es übrigens wegen der Phonetik »dos«, also eigentlich die Zwei vor der Eins. Somit ergibt sich folgender Zählkreis: zwölf, eins, zwei, der Downbeat auf der Drei, vier, fünf, ein Akzent auf der Sechs, sieben, ein Akzent auf der acht, neun, ein Akzent auf der Zehn, elf und zwölf. Und das kann auch noch während des Spiels von den Musikern munter gemischt werden. Wichtig ist, dass man immer weiß, wo die Drei ist. Glücklicherweise hat er uns gleich dazu gesagt, dass schon sehr viele sehr gute Musiker daran verzweifelt sind. Also war es für uns nicht weiter schlimm, es vielleicht doch nicht so ganz verstanden zu haben. Somit wird es wohl weiterhin ein Geheimnis der wenigen, guten Flamencospieler wie Juan Carlos bleiben… Da war es schon etwas einfacher, die ursprünglich aus Peru stammende Cajon durch ihn näher kennenzulernen. Dorthin mitgebracht haben es die afrikanischen Sklaven, die keine Trommeln besitzen durften. Deshalb spielten sie ihre traditionellen Rhythmen auf leeren Holzkisten. So wurde die Cajon (übersetzt: Schublade) geboren und bis heute weiterentwickelt. Juan Carlos spielt es nicht nur mit den Händen, sondern auch mit Besen. Das erweitert die Soundmöglichkeiten, zusammen mit dem Snareteppich und anderen Modifikationen.

Aus Madras, heute Chennai (Südindien), kommt Ramesh Shotam. Mit einer ihm eigenen, wunderbaren Mischung aus feinem indischem und europäischem Humor machte er uns mit dem Rhythmus-Silben-Gesang »Konakol« bekannt. Diese sind: »Takita« (für einen 3er-Rhythmus), »Taka Takita« (5), »Taka Dimi Takita« (7), »Taka Dimi Taka Takita« (9) usw. Auch klatschten wir Rhythmen nach dem südindischen Tala-System. Außerdem stellte er uns die jeweilige Spielweise verschiedener traditioneller Instrumente, u.a. der Tempeltrommel Tavil, vor. Diese sehr laute Trommel mit einem fassartigen Korpus ist beidseitig mit einem Bassfell und einem stark gespannten Fell bespannt. Das Bassfell wird mit einem Stock, die hohe Seite mit harten Fingerkappen sehr schnell gespielt. Die Zeit verging wie im Fluge.

Das abschließende Teilnehmerkonzert war – wie sollte es auch bei diesen Dozenten anders möglich sein – äußerst abwechslungsreich. Jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin strahlte absolute Freude am Trommeln sowie an den verschiedenen Rhythmen aus. Das übertrug sich sofort auf die, sogar zum Teil von außerhalb angereisten, Zuschauer. So wie auf mich. Denn ich saß wegen Sehnenscheiden-Problemen leider nicht auf der Bühne, sondern im Publikum. Auch ich war total begeistert von dem, was mir geboten wurde! Ein absolut gelungener Abend, der beim anschließenden Ausklang – bei wunderbar sommerlichem Wetter – im Garten vor dem berühmt-berüchtigten LMA-Burgkeller noch lange nachklang. Hier wurde bei einem (oder waren es doch eher mehrere …) Bier auch der Titel dieses Artikels kreiert. Unter dem Tisch floateten die Füße im Tumbao und oberhalb wurden Claves gelacht.

Mein Fazit dieser ersten »World Percussion Academy«: Nicht nur ich habe in der Landesmusikakademie viel Spaß mit 46 netten und äußerst musikalischen Menschen gehabt, sie in vielen guten Gesprächen etwas kennengelernt, Kontakte geknüpft und auch viel von ihnen gelernt. Bedankt haben wir uns auch bei dem tollen, freundlichen LMA-Team rund um die sympathische und immer persönlich ansprechbare Leiterin Antje Valentin sowie dem engagierten Bildungsreferenten Bernhard von Almsick. Bei den netten Damen an der Rezeption, die uns immer in allem Organisatorischen zur Seite standen. Beim allgegenwärtigen, hilfreichen Hausmeister, der immer zur Stelle war, wenn etwas umgestellt oder repariert werden muss. Bei der Mannschaft der Mensa, die leckere Mahlzeiten zubereiteten, damit keinen Teilnehmer die Kraft verlies. Sie alle hatten in dieser Woche ein offenes Ohr für unsere Nöte und Anregungen.

Mich persönlich hat es zudem sehr beeindruckt in allem, was die sieben Dozenten während dieser Woche getan und gesagt haben, zu spüren: Sie brennen für den Rhythmus, die Musik! Egal, wie lange jeder von ihnen das schon macht. Alle Sieben suchen immer nach neuen Sounds, tauschen sich dazu aus und zeigen gegenseitig einen hohen Respekt für einander. Sowohl auf die verschiedenen Percussionarten als auch die Menschen bezogen. Auch ich habe mich als Percussionanfängerin von ihnen angenommen, gefördert und passend gefordert gefühlt. Den Profis unter uns wurden von ihnen entsprechend anspruchsvollere Aufgaben gestellt.

Abschließend noch eine weitere gute Nachricht: Die zweite »World Percussion Academy« ist bereits in Planung! Der genaue Termin wird momentan noch abgestimmt, voraussichtlich 2014. Wer den informativen Newsletter der Landesmusikakademie abonniert, verpasst ihn garantiert nicht. Und ich werde hoffentlich wieder dabei sein können. Dann allerdings mit mehr trommel-technischem Krafttraining für meine Arme im Vorfeld… Ich freue mich schon darauf!«

Bericht: Heike Hagenlüke
Fotos: Sabrina Bagus