Interview Archiv

Ed Thigpen & Jeff Hamilton

In Gedenken an die am 13. Januar verstorbene Jazzikone Ed Thigpen wollen wir an dieser Stelle unser letztes Interview mit ihm (2005) noch einmal veröffentlichen. Damals haben wir ihn zusammen mit Jeff Hamilton zum Thema »Brushes« befragt.
Genießt diesen Drum-Talk der Extraklasse also noch einmal ganz in Ruhe – und denkt dabei ein bisschen an »Mr. Taste«...

Brush-Talk

Wir trafen die beiden beim »Rhythm« Drum Camp in Marktoberdorf und konnten sie zu einem intensiven Drum-Talk überreden. Und hier kommt das Gespräch der beiden Brush-Spezialisten, eingeleitet von einer der wenigen Fragen unsererseits.

Ed Thigpen & Jeff Hamilton

Die beiden Musiker vorzustellen erübrigt sich im Prinzip. Ed Thigpen gehört zu den lebenden Legenden des Jazz und gilt für viele als der »Brushmaster«; sein »junger « Nachfolger Jeff Hamilton ist ebenfalls ein Superstar im Jazz. Mit seinem Trio, der Clayton/Hamilton Big Band oder bei Diana Krall hat er für Furore gesorgt, nicht zuletzt durch sein fantastisches Besenspiel. Nachdem Jeff Hamilton Ed Thigpen eine kurze Lektion dessen gegeben hatte, was er so in seinem Unterricht vermittelte, konnte unser Gespräch beginnen. Zum Einstieg wollte ich einfach wissen, worin für beide die Faszination der »Brushes« liegt, warum und wann sie begannen, das Besenspiel zu »ihrem« Markenzeichen zu machen.

Ed Thigpen & Jeff Hamilton

ET
»Als ich anfing Musik zu machen, waren die Brushes (Besen) noch der Standard bei allen Schlagzeugern. Nahezu jeder spielte mit ihnen, und es gehörte einfach zur Musik. Das war die SwingÄra, die Zeit von Drummern wie Joe Jones oder Sid Catlett und vielen anderen, die man heute kaum noch kennt. Die Brushes waren das ideale Equipment, um leise zu spielen und schon beinahe beliebter als die Drumsticks. Es war normal, sie einzusetzen, wobei die Entwicklung der Brush-Techniken in dieser Zeit erst begann und einige, wenige Schlagzeuger wirklich erstaunliche Dinge mit ihren Besen vollzogen.«

JH
»Bei mir war es so, dass die Musik, die ich am liebsten hörte, eben Jazz war, und da gehörten die Brushes dazu. Zudem spielte ich damals mit fünfzehn Jahren in einem Piano-Trio. Das war akustisches Piano, Kontrabass und Schlagzeug. Die ersten drei Sets waren immer Brush-Sets, da das Publikum noch aß und der Club in erster Linie ein Restaurant war und erst später in der Nacht zum reinen Jazz-Club mutierte. Das Publikum war wegen des Essens dort, die Musik war lediglich eine Zugabe. Meine Helden waren damals Ed Thigpen mit Oscar Peterson oder Joe Jones mit Count Basie, davon lernte ich, und da waren Sticks meist eine Nebensache. Aber ein weitaus wichtigerer Aspekt bei den Brushes war die Tatsache, wie ich zu meinem ersten Paar kam. Meine Eltern waren nicht sehr betucht, mein Vater Fabrikarbeiter, und meine Mutter sagte uns Kindern immer, wenn wir etwas umsonst bekämen, wäre das toll und man sollte diese kostenlose Zugabe achten. Egal, was es wäre, hätte es immer einen Sinn und Zweck, etwas als kostenlose Zugabe zu erhalten. Das hatte ich schon verinnerlicht, als ich meine erste Trommel, eine blaue Ludwig Snaredrum, erhielt. Als ich sie auspackte, fand ich ein Paar Besen in dem Karton, die man in den sechziger Jahren einfach dazulegte. Es war die Zeit von Rock'n Roll und Beatmusik, und niemand kaufte mehr Besen, so dass Ludwig sie als Geschenk zu Snaredrums dazupackte. Dieses Geschenk sollte mein Leben verändern, da ich nun zu Platten von Ed Thigpen übte und versuchte herauszufinden, wie er all diese wundervollen Sounds zustande brachte. Eigentlich studierte ich zu dieser Zeit gerade Snaredrum-Rudiments, und nun kamen die Besen dazwischen, die sich so gänzlich von der Art mit Stöcken zu spielen unterschieden. Aber da sie ein Geschenk waren und ich die Worte meiner Mutter im Ohr hatte, nahm ich sie sehr ernst und wurde nach und nach in ihren Bann gezogen.«

Jazz muss man nicht nur spielen sondern leben

ET
»Die Zeiten waren eben ganz anders, und man musste als Musiker vielleicht auch etwas kreativer sein, Dinge kreieren, die heute selbstverständlich sind. Als ich mein Buch über Brushes geschrieben habe, fragte mich ein Kritiker, warum ich nur so wenige Musiker erwähnt hätte, die mir als Vorbild dienten bei der Entwicklung der unterschiedlichen Techniken. Ich sagte ihm, es läge daran, dass ich das Meiste selbst kreiert hätte und eben die Besen ein Leben lang mein ganz spezielles Instrument gewesen seien, mich am Schlagzeug auszudrücken. Es gab ja noch keine anderen Bücher zu dieser Thematik, und Video sowie DVDs waren noch nicht erfunden. Daher musste man als Schlagzeuger selbst aktiv werden.«

JH
»Wenn Oscar Peterson oder Count Basie mit einem neuen Arrangement kamen, war man gezwungen zu agieren. Und wenn nötig, spielte man etwas Neues, kreierte neue Sounds, eben mit den Besen, um nicht die komplette Band zu übertönen. Diese Kreativität war es ja, welche die Musik so interessant für uns machte.«

ET
»Genau, man erarbeitete sich sein eigenes Fundament, lernte beim Spielen. »Learning by doing« war angesagt, und das macht den Jazz so interessant, die Fusion unterschiedlicher Stilistiken usw. Fusion gab es nämlich auch schon viel früher, aber für mich persönlich war Jazz nur Jazz, wenn es auch swingte. Der Swing, der Groove in der Musik, war immer schon von großer Bedeutung, was heutzutage vielleicht etwas zu sehr in den Hintergrund geraten ist. Die Musik heute swingt nicht mehr so.«

JH
»Bist du nicht sogar mit Country & Western groß geworden, einer Stilistik, die über die gleichen Beats verfügt wie der Swing, und wo man sogar mit Besen arbeitet. Es sollte einem bewusst sein, dass viele Stilistiken miteinander harmonieren und zumindest von der Rhythmik her gar nicht soweit auseinander liegen.«

ET
»Genau, Shelly Manne, ein Studiodrummer aus alten Zeiten, war ein As im Brush-Playing, und er hat auch viel von Joe Jones gelernt. Ich habe damals versucht, diesen Swingbeat von Joe Jones zu lernen. Da ich kein Drumset besaß, habe ich auf einem Kopfkissen geübt.«

Ed Thigpen & Jeff Hamilton

JH
»Wow, das bildet die Unterarme aus. Ich habe meine Snaredrum Rudiments mal über ein Jahr auf dem Kopfkissen geübt und hatte dann Unterarme wie Popeye. Aber es hat gut geholfen und ließ mich später sehr locker werden. Ich denke jedoch, dass die Brushes weniger ein technisches Ding sind, sondern eher ein Gefühl hervorrufen, eine Passion, wie ich persönlich sie habe oder wie Ed sie hat. Wenn ich Besen spiele, erreiche ich meine Seele wesentlich direkter als beim Spiel mit den Sticks, obwohl ich glaube ich auch mit ihnen recht gut bin. Aber die Besen bewirken eine ganz andere Ausdrucksweise in meinem Spiel.«

ET
»Was willst du auch mit etwas Draht in der Hand und einem Telefonbuch sonst machen. (grinst) Du kannst Musik damit spielen, sie zum Leben erwecken, ihre Atmung beeinflussen – eben etwas kreieren, was ansonsten so kaum möglich ist. Es hat etwas mit der Liebe zum Instrument zu tun, und das ist unglaublich wichtig, diese Liebe.«

JH
»Als wir gestern beim Soundcheck herumgespielt haben, war so ein Moment, der mich faszinierte. Ich glaube, ich könnte den Rest meines Lebens damit verbringen, Musik lediglich mit Besen und einer Snare zu spielen. Diese Tiefe erreicht man sonst kaum noch. Der Sound ist faszinierend, diese Nuancen sind Ausdruck unserer Persönlichkeit. Wenn wir hier miteinander reden, so geschieht das ebenfalls leise und bedächtig. Wenn ein Schlagzeuger immer nur mit Stöcken spielt und wohlmöglich in der Hauptsache Rimshots benutzt, brüllt er sein Publikum an, das ist nicht mein Ding. Es ist in bestimmten Situationen okay, aber es würde mich persönlich nicht glücklich machen. Ich bevorzuge die softere Variante.«

Ihr erreicht damit aber offensichtlich auch mehr Respekt beim Publikum, das bei dieser Art von Performance ebenfalls extrem ruhig ist und intensiv zuhört.

JH
»Ich denke, das hat auch etwas mit dem Respekt zu tun, der beim »Rhythm«-Seminar unter den Dozenten vorhanden ist. Hier lernen ja die Lehrer auch untereinander etwas und ich war – wie schon vor zwei Jahren – auch in diesem Jahr wieder regelmäßig in Karuna Murthys Klasse, um mehr über die indische Musik, ihre Rhythmik und Zählweise zu erfahren, was nicht so einfach ist. Schließlich komme ich aus Indiana und nicht aus Indien. Hier ist einfach jeder ein Meister seines Fachs, und das löst Respekt aus. Was aber auch zählt, ist die Art und Weise, wie wir unsere Persönlichkeit rüberbringen und so die Hörgewohnheiten des Publikums verändern. Bei allen Konzerten sind die Drums immer einzeln abgenommen, und lediglich bei Ed und mir reichten die Overheads aus, da wir eine andere Klangwelt bedienen und fürs Publikum eröffnen. Dieses hat sich in kürzester Zeit darauf eingestellt. Daher ist es einfach ruhiger im Auditorium als bei anderen Musikern. Wir sind es gewohnt, rein akustisch zu arbeiten ohne all die Verstärker usw., weil es einfach in »unserer« Musik so üblich ist und sich über die Jahre kaum verändert hat, wie man »unsere« Musik präsentiert.« Kann es auch sein, dass die Brushes in den letzten Jahren eine Art Comeback erfahren, wieder gefragter sind und von immer mehr Schlagzeugern für sich entdeckt werden?

ET
»Das mag schon sein, wobei wir beide seit Jahrzehnten nichts anderes machen und dies durch die Welt tragen. Wir unterrichten, geben Workshops usw., all das hat sicherlich geholfen. Es muss so um 1970 oder ´71 gewesen sein, als ich auf einer Musikmesse mein Buch vorstellte und Billy Cobham vorbeischaute. Er wollte unbedingt gezeigt bekommen, wie man Besen einsetzt, und so machte ich mich auf, ein Paar Brushes für ihn zu organisieren und ihm etwas zu zeigen. Ich fand lediglich drei Paar – und das auf einer Musikmesse. Die kaufte ich und zeigte Billy die ersten Schritte. Im nächsten Jahr sprach mich Joe Calato an, ob wir nicht gemeinsam ein paar neue Besen designen könnten, da er mit seinen Versionen nicht ganz zufrieden war. Ein Jahr darauf saß ich dann an seinem Stand mit Besen und Snare und zog ein großes Publikum an. Später kamen dann noch Jack Hanna und Clayton Cameron zu Calato und kurze Zeit darauf Jeff Hamilton. Selbst gestandene Rockmusiker waren vom Klang der Brushes fasziniert. Das ist über die Jahre mehr geworden, und heute genießen die Leute diesen Sound, die Ruhe in der Musik, die Entspannung, welche sie woanders vielleicht nicht in dieser Intensität erfahren können.«

Ed Thigpen & Jeff Hamilton

JH
»Auf einer Pasic spielte ich Balladen mit einem Trio, und in der ersten Reihe standen Terry Bozzio, Luis Conte und einige andere mit heruntergeklappten Kinnladen. Ich denke immer noch, es ist die Ehrlichkeit, das Pure in der Musik, was die Leute fasziniert. Und ein gutes rein akustisches Programm zu präsentieren trennt die Jungs von den Männern in der Musik, um es mal so auszudrücken.«

ET
»Ich erinnere mich an einen Gig in den Staaten, wo in der Garderobe dieser Typ auftauchte und mir Komplimente machte zu meinem Spiel. Er kannte alle Platten, die ich eingespielt hatte und war offensichtlich ein großer Jazzfan. Also fragte ich ihn, was er mache, und er stellte sich als Schlagzeuger einer Rock'n Roll Band vor. Es war Charly Watts von den Rolling Stones.«

JH
»Er ist ein großartiger Mensch und kommt immer zu allen möglichen Gigs, um die Musik zu genießen. Genauso Bozzio, der mit seinen Piercings und den Nasenringen schon auffiel im Publikum und dennoch alles aufsog, was er nur bekommen konnte. Aber mir ging es ähnlich. Ich wurde in jungen Jahren auch häufig nicht akzeptiert, weil ich beispielsweise diesen blonden Afrolook hatte, und das passte irgendwie nicht zur Musik. Später dann grenzte ich mich aus, da ich keine Fusionmusik machen wollte und lieber beim akustischen Jazz – meiner Passion – blieb. Alle sprachen immer davon, dass Fusion mehr Publikum in Richtung Jazz ziehen würde, was jedoch nie geschah. Es wurde einfach nur unter Jazz abgeheftet, hat aber in meinen Augen nichts damit zu tun, wie auch später Smooth-Jazz – ein Kapitel, das wir lieber auslassen. Das hat bestimmt nichts mit Jazz gemein.«

ET
»Aber die heutige Zeit ist wieder recht positiv vom Jazz beeinflusst, und es gibt großartige junge Schlagzeuger, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, sich der Roots der Musik bewusst sind. Brian Blade, Jeff »Tain« Watts, Bill Stewart, eine Generation toller Musiker, die ihr Handwerk verstehen und die Brushes sicherlich auch wieder populärer machen als sie es ohnehin schon sind.«

Es hängt also alles mit der Disziplin und dem Respekt vor der Musik und den Musiker zusammen?

ET
»Klar, das ist es, was den Jazz ausmacht. Jazz ist sehr demokratisch, und wenn sich alle an die Regeln halten, besitzt jeder seine persönliche Freiheit an Ausdrucksformen innerhalb der Musik. Jeder kann sich auf seine Weise entfalten und ausdrücken. Das bietet kaum ein anderer Musikstil. Im Jazz sind in einer guten Band alle gleichberechtigt – wo kommt das ansonsten schon vor.«

JH
»Was das generelle Comeback des Jazz betrifft, so hängt es sicherlich mit den Ausbildungsmöglichkeiten zusammen, die heute für Musiker geboten werden. Aber nicht jeder wird direkt Profi, der ein solches Camp besucht oder auch Unterricht nimmt. Aber das sind dann die späteren Zuhörer, die z.B. den Jazz besser verstehen und ihn genießen können. Daher sind alle Dinge in Sachen Musik und Fortbildung immer nur von Vorteil und positiv zu sehen. Und die, die es wirklich wissen wollen, haben alle Möglichkeiten der Welt heutzutage. Wenn du mit guten Musikern arbeiten willst, bleibt dir aber auch nichts anderes übrig als deine Hausaufgaben zu machen. Sicher gibt es auch viele schlechte Jazzmusiker und noch schlechtere Bands, aber das sollte ja niemals das Ziel sein. Wenn du also deine Roots beherrschst, dein Set und die Akkordwechsel kennst und weißt, wie du agieren musst und was es bedeutet zu improvisieren, dann gibt es keinen Grund mehr sich zu verstecken. Und für gute Jazzmusiker wird es immer genügend Arbeit geben, die Art von Jobs wird nie aussterben, lediglich gefragter sein.«

ET
»Erst recht, wenn man auf ähnliche Talente trifft, wie man selbst vielleicht eines ist. Musiker, die das gleiche Glück erfahren. Da kann es passieren, dass einem die Tränen in die Augen schießen beim Konzert, weil es sich anfühlt, als sei man im Himmel. Das kommt nicht häufig vor, doch es gibt Situationen, wo jeder Musiker diese Grenzerfahrung macht, und ich denke, dass der akustische Jazz dazu die besten Voraussetzungen besitzt. Weitaus mehr als andere Stilistiken.«

JH
»Ich habe es in Woody Hermans Band erlebt. Es kommt wirklich nicht oft vor, aber an diesem Abend, ich glaube wir spielten gerade »Apple Honey«, erreichten wir diesen Zenit, wie es in der Improvisation wirklich nicht oft vorkommt. Wir waren besser als je zuvor, das Publikum brachte zudem diese Energie zur Bühne rauf, und einige Musiker hatten wirklich Tränen in ihren Augen. Das mag jetzt für manchen etwas sentimental klingen, aber aus meiner Sicht ist es das Schönste, was man als Musiker erreichen kann. Manchmal genügt auch schon die Reaktion vom Publikum, um dich dorthin zu bringen. Aber das ist eher seltener der Fall.«

Jazz bedeutet Respekt und Liebe zur Musik

Ed Thigpen & Jeff Hamilton

ET
»Es ist wie in der Kirche, wo alle nur noch hüpfen und nicht mehr von dieser Welt zu sein scheinen. Die Gospelmusik ist neben dem Jazz daher eine der wenigen Stilrichtungen, wo man Musik so intensiv erfahren kann. Milt Jackson war jemand, der in solchen Situationen sehr nahe am Wasser gebaut hatte, wenn andere vielleicht eher eine Gänsehaut bekamen. Jazz ist einfach eine intensive Erfahrung, die man versteht oder nicht. Ich denke, wir kategorisieren viel zu sehr und stecken alles in unterschiedliche Schubladen, die diese Musik eigentlich gar nicht benötigt.«

JH
»Das fängt ja schon bei der Bezeichnung von Instrumenten an. Ich spiele zum Beispiel eine Bassdrum und keine Kickdrum. Die Bassdrum ist der Bass, das tiefe Fundament eines Sets und nicht der Kick-Part. Ich hasse diese Ausdrücke Kick, Rack Tom usw. – das ist eine Art Missachtung des Instrumentariums, und darauf lege ich wirklich sehr viel Wert. Das versuche ich auch meinen Studenten zu vermitteln. Sie sollen zuhören lernen, aufpassen, was passiert und versuchen zu verstehen. Manchmal braucht es eine Weile, manchmal Jahre, bis man dahinter kommt, was verschiedene Dinge bedeuten und was für eine Information man im Unterricht erhalten hat. Es ist wie beim Sport: Ein guter Trainer ist in der Lage, aus einigen Talenten eine tolle Mannschaft zu formen. In der Musik ist ein guter Lehrer wichtig für das spätere Fortkommen eines Musikers, auch wenn der einige Lektionen erst viel später bewusst versteht. Dennoch ist es heutzutage nicht immer leicht, guten Unterricht zu absolvieren.«

Weil Schüler einer Reizüberflutung unterliegen oder weil es eher am Respekt scheitert ?


JH
»Ich habe festgestellt, dass ich meine Schüler kritischer betrachte, je älter ich werde. Es gibt immer einige, die nicht wirklich mit der Materie eins werden wollen, sondern lediglich einige Tricks und Gimmicks lernen möchten. Doch dazu bin ich nicht mehr bereit. Ich möchte die Informationen, die mir Mel Lewis, Ed Thigpen oder Joe Jones vermittelt haben, nicht mit jemandem teilen, der eigentlich nur ein paar Tricks draufhaben will, um sein Publikum oder seine Freundin zu beeindrucken. Der nicht begreift, wie die Stockbewegungen in die Besenbewegungen einfließen und umgekehrt. Diese ganzen Movements, die kreisförmigen Bewegungen, die man üben muss, das interessiert einige überhaupt nicht. Und genau diese Art von Schüler lehne ich mittlerweile kategorisch ab. Musik zu machen bedeutet für mich mehr als ein paar Tricks am Set abzulassen. Schön, wenn man sie beherrscht, ist es nicht schlecht, aber es gibt noch weitaus mehr, was man sich erarbeiten sollte. Und wer das nicht versteht, erfährt eigentlich gar nichts von mir. Dafür ist mir meine Zeit zu kostbar.«

ET
»Mir geht es ähnlich, der Respekt fehlt manchmal an allen Ecken und Kanten. Wenn schon jemand »Hey Jeff« oder so sagt, das hasse ich. Ich bin für die Schüler Mr. Thigpen wie du Mr. Hamilton, und wir vermitteln halt nicht alles, was wir wissen, an jeden, der es bezahlen könnte.«

JH
»Ich unterrichte ohnehin kaum noch, da ich die Zeit nicht habe. Zuletzt waren es in Los Angeles nur noch sechs Schüler, die aus einer recht großen Klasse übrig geblieben waren. Ich hatte die ganze Klasse befragt, warum sie ausgerechnet von mir unterrichtet werden wollten und ob sie überhaupt wissen würden, was ich so mache, welche Platten ich veröffentlicht habe usw. Da die wenigsten auch nur den Hauch einer Ahnung hatten, habe ich sie zu einem Clubgig eingeladen, und danach sollten sie ihre Entscheidung treffen. Einige kamen erst gar nicht zum Gig, und der Rest rief nie wieder an. Ich unterrichte nur noch Schlagzeuger, die diese Musik essen, trinken und leben, für den Rest habe ich keine Zeit. Gerade in L.A. hörst du Sprüche wie "Hey, you are the Brush Cat, show me some licks." Darauf gebe ich erst gar keine Antwort.«

Um Jazz zu verstehen muss man seine Roots verstehen

Aber ist das nicht die typische L.A.-Einstellung?

JH
»Nein, das ist die Einstellung eines Idioten, besser gesagt eines idiotischen Drummers. Ich möchte nicht arrogant wirken, aber ich bin ehrlich und direkt, und mir ist das, was ich in meinem Leben gelernt habe zu wertvoll, als dass ich es verschenken würde. Jazz hat etwas mit Ehrlichkeit und Respekt zu tun, wie bereits erwähnt, und den sollte man mir und natürlich erst recht Ed schon entgegenbringen.«

Wie geht es dem Jazz heute denn überhaupt, gibt es genügend Arbeit, Clubs usw., um als Musiker ein gutes Leben führen zu können, ohne ständig in das Klischee des armen Jazzers zu verfallen, der von der Hand in den Mund lebt?

JH & ET
»Es kommt darauf an, wie gut du bist. Wenn du dir immer den Arsch abspielst, wirst du auch immer gute Jobs bekommen. Und so war es schon immer im Jazz, die Qualität bestimmt das Einkommen.«

JH
»Wenn du eine Platte hast, die gut läuft, ist das hilfreich, aber meist zählen eher die Konzerte. Es ist halt nicht wie in der Rockmusik, wo man mit einem Album zum Millionär wird und mit Mitte zwanzig in Rente geht. Nimm Ed Thigpen – welcher Rockmusiker geht mit 72 Jahren noch auf Tour und hat Erfolg. Du hast die Wahl, und im Jazz kann deine Karriere ein Leben lang anhalten, länger als bei jeder anderen Form von Musik. Es liegt also an jedem selbst, wofür er sich entscheidet. Im Jazz gibt es die meisten alten Musiker und welche, die eine unvergleichliche Karriere hinter und vor sich haben. Aber dafür muss man die Musik lieben, den Jazz. Ich hätte eine tolle Karriere im Studio machen können und ein Vielfaches dabei verdient. Aber ich habe mich dagegen und für den Jazz entschieden, und dennoch führe ich ein großartiges Leben.«

Ed Thigpen & Jeff Hamilton

ET
»Ich sehe es im Prinzip ähnlich, wobei ich die älteren Zeiten kenne und in einer anderen Generation aufgewachsen bin. Ich hatte noch das Glück mit Musikern zu arbeiten, die heute zu den Legenden zählen, aber auch da war es nicht anders. Die Musiker hatten vielleicht mehr Eigenständigkeit und kreierten mehr als dies heute der Fall ist. Aber darauf kann man eben jetzt aufbauen.«

JH
»Ich denke, es ist schwerer geworden, weil jüngere Musiker viel mehr aufarbeiten müssen als wir. Ich bin 1953 geboren und musste lediglich fünfzig Jahre aufholen, bevor meine persönliche Entwicklung ihren Lauf nahm. Jemand, der jetzt ernsthaft beginnt, hat bereits über einhundert Jahre Jazz, mit denen er sich beschäftigen muss, was es sicherlich schwerer macht. Und zugleich ist dies vielleicht einer der Gründe, warum es keine Musiker mit wirklicher Tiefe gibt in diesen Tagen. Lewis Nash ist z.B. einer der wenigen, dem ich so etwas noch zutraue. Er hat bei Roy Haynes und Max Roach studiert und seine Hausaufgaben wirklich intensiv gemacht. Und das bewundere ich, aber er ist dennoch in meinen Augen eine Ausnahme im Jazz. Ich habe selbst Baby Dotts erst vor einigen Jahren entdeckt, oder Big Sid Catlett, weil eben jetzt CDs erhältlich sind, die einem zumindest einen Eindruck von dem geben, was damals passierte.«

Was mir zudem noch bei deinem Unterricht auffiel, war die Tatsache, dass du über Jazz und Tanzmusik gesprochen hast, eine Verbindung, die so heute kaum noch vorkommt.

JH
»Das stimmt, früher wurde zum Jazz getanzt. Das ist heute kaum noch der Fall. Im Cotton Club war das der einzige Grund, warum eine Band engagiert wurde, sie sollte die Leute zum Tanzen bringen. Und wer jemals vor Count Basies Band gestanden hat und nicht den Drang verspürte zu tanzen, muss schon mumifiziert gewesen sein. Das ist es auch, was ich bei vielen jüngeren Schlagzeugern vermisse, diesen Beat, den Swing, der die Füße mitwippen lässt und dich zum Tanzen drängt. Selbst wenn du nicht weißt, wie es geht, die Musik zeigt es dir, zwingt dich förmlich dazu. Das lernt man an keinem Konservatorium, und ich halte es dennoch für weitaus wichtiger als Polyrhythmik, Ostinatos und alles, was heute viele beherrschen, die dennoch nicht diesen besonderen Groove in ihrem Spiel haben, der meine Füße zum Wippen bringt. Obwohl ich ihr Spiel durchaus mag.«

Ed Thigpen & Jeff Hamilton

Eine letzte Frage, mit der wir dann auch zum Ende dieses Gesprächs kommen. Wenn man Biografien bekannter Jazzmusiker liest, entsteht recht schnell der Eindruck, dass Alkohol und Drogen immer schon eine große Rolle im Jazz gespielt haben. Heutzutage sind viele Musiker Nichtraucher, Vegetarier und trinken nur Wasser. Ist das Leben als Musiker, sprich Jazzmusiker, heutzutage gesünder als in den guten alten Zeiten?

ET
»Mach du das, Jeff, mit allem Respekt gegenüber den Musikern und der Musik.«

JH
»Ich denke, das täuscht. Ich würde gerne die Biografien von Managern an der Wall Street lesen, die ehrlich zugeben, was Sache ist. Im Sport wird uns zurzeit vermittelt, dass viele Sportler Verbrecher und Mörder sind. Sicher gab und gibt es im Jazz immer noch einige, die Probleme mit Alkohol und Drogen haben, aber es sind nicht mehr oder weniger als im herkömmlichen Leben. Es lässt sich nur besser verkaufen und klingt etwas reißerischer in der Werbung. Ich habe mit solchen und solchen gearbeitet und festgestellt, dass Musiker, die Probleme mit Drogen oder Alkohol hatten, sich nie wohl fühlten in meiner Gegenwart. Lediglich aus dem Grund, dass ich weder vor noch nach dem Gig mit ihnen abhing. Aber es ist wie im richtigen Leben, es kommt auf den Menschen selbst an und nicht auf die Drogen, die er nimmt. Niemand spielt besser unter Alkohol und Drogen. Man glaubt es vielleicht, und die Presse unterstützt solche Dinge häufig auf ihre Art, da sich solche Dinge einfach besser verkaufen lassen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, und mehr ist wohl auch kaum notwendig zu dieser Thematik.«

EQUIPMENT

Ed Thigpen
ist Endorser für Remo Drums und Felle, Gibraltar Hardware, Sabian Cymbals und Calato Regal Tip Brushes und Sticks

Jeff Hamilton
ist Endorser für Remo Drums und Felle, Bosphorus Cymbals und Calato Regal Tip Brushes und Sticks

INTERNET

Wer mehr über diese beiden Ausnahmemusiker erfahren und/oder CDs bestellen möchte, kann dies im Internet tun unter:
www.edthigpen.com sowie www.Hamiltonjazz.com


Interviews aus drums&percussion Januar/Februar 2005