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Mitch Mitchell

The Great Mitch Mitchell

Sein Leben endete »on the road« in einem Hotelzimmer. Mit Mitch Mitchell ist einer der ganz Großen unserer Zunft von uns gegangen – jemand, der mit der Jimi Hendrix Experience energiegeladen wie wenige andere Acts der Zeit Rockgeschichte geschrieben und so manchen Trommler bis heute in seinen Grundfesten erschüttert hat...

Mitch Mitchell

Jim Marshall, der Mann hinter den Marshall-Amps und ebenfalls ein exzellenter Schlagzeuger, erzählt in seinen Memoiren »The Father of Loud« folgende Geschichte über das erste Zusammentreffen mit dem fünfzehnjährigen, damals noch Johnny Mitchell: »Ich hatte gerade ein funkelnagelneues Premier-Set in meinem Schaufenster des ersten Ladens in 76 Uxbridge platziert. Das Fenster war so schmal, dass gerade das Schlagzeug und vielleicht noch ne Gitarre auf jeder Seite Platz hatten. […] Ich hörte diesen enormen Lärm und dachte, wer auch immer das ist, er weiß nicht, wie man Schlagzeug spielt. Ich sah dieses Kind hinter dem Set und rief: 'Was soll das?' Er schlüpfte hinter dem Set hervor und rannte weg. Ungefähr zwei Tage später kam er zurück und sagte kleinlaut:

'Meine Mom schickt mich, und ich soll mich entschuldigen. Außerdem möchte sie die Schäden bezahlen, falls welche entstanden sind. Zu dieser Zeit bekamen die Felle sofort Dellen […], und ich musste alle wechseln. Aber ich sagte zu ihm: 'Sag deiner Mom, sie solle sich nicht beunruhigen, es ist vergessen.' Und er erwiderte: 'Ähm […] könnten sie sich vorstellen, mich samstags als Aushilfe in ihrem Laden anzustellen?' So wurde Johnny Mitchell mit 15 Jahren meine Aushilfe und später fragte er mich, ob ich ihm Schlagzeugunterricht geben könne.«

Mitch Mitchel

John »Mitch« Mitchell wurde am 9. Juli 1946 in London geboren. In seiner Zeit als Teenager betätigte er sich als Kinderschauspieler in der TV-Serie »Jenning & Derbyshire«. Zudem erlernte er das Stepptanzen – ein Talent, das er mit bekannten Drummern wie Buddy Rich und Steve Gadd teilte. Auch wenn ihm Jim Marshall einige Kniffe gezeigt haben mag, so war Mitchell vornehmlich Autodidakt. Als seinen größten Einfluss bezeichnete er immer wieder Elvin Jones. Frühe Stationen seines Schaffens als Schlagzeuger waren The Pretty Things und Georgie Fame, laut einem Interview mit Pete Townshend spielte er auch mal bei The Who vor.

In einer ausgedehnten Audition für den begehrten Drummersitz bei dem aus den USA angekommenen Supergitarristen Jimi Hendrix konnte er sich bis ins Finale vorarbeiten, eine Münze soll dann zwischen ihm und dem damals bereits bekannten Aynsley Dunbar entschieden haben.

Mitch Mitchell

Mitchell spielte in der The Jimi Hendrix Experience von Oktober 1966 bis Mitte 1969, und sein eigenwilliger Stil prägte die Musik des Trios: Er verstand es, abwechselnd mit der Gitarre die Band zu führen – nicht ungewöhnlich in der Jazzmusik, im Rock zu diesem Zeitpunkt jedoch weitgehend unbekannt. Im Dezember 1968 beteiligte sich Mitch zusammen mit John Lennon, Eric Clapton sowie »Stone« Keith Richards am Bass beim »Rolling Stones Rock 'n' Roll Circus« in der Band »The Dirty Mac«.

Ebenfalls erwähnenswert ist seine Mitarbeit bei »Jack Bruce and Friends« – zusammen mit Larry Coryell und Mike Mandel – in der Zeit, in der Jimi Hendrix mit der sogenannten Band of Gypsies tourte (mit Buddy Miles am Schlagzeug). Er gehörte danach wieder der Hendrix-Woodstock-Band (»Gypsy Sun and Rainbow«) im August 1969 an sowie einer späteren Wiedergeburt der Band, bekannt unter dem Namen »Cry of Love Band«. Zu seinen Highlights am Schlagzeug gehörten aus dieser Zeit Songs wie »Manic Depression« oder »Fire«. Sein letztes Konzert mit Hendrix spielte er am beim Love-and-Peace-Festival am 6. September 1970 auf der Insel Fehmarn.

In den meisten Biografien wird seine Tätigkeit nach der Zeit mit Jimi Hendrix als vielgebuchter Sessionmusiker dargestellt. Dem ist eher nicht so, denn abgesehen von einer Tour mit Jeff Beck, bei der er kurzfristig den erkrankten Cozy Powell ersetzen durfte, sind alle der – auf den langen Zeitraum gerechnet – wenigen Engagements nicht in der oberen Liga anzuordnen: Zunächst stellte er zusammen mit Toningenieur Eddie Kramer nach Tod von Jimi Hendrix verschiedene Aufnahmen wie etwa »The Cry of Love« oder »Rainbow Bridge« fertig. 1972 spielte er unter dem Pseudonym Henry Manchowitz auf einem Album von Randy California und gehörte kurzfristig der Formation Ramatam an. 1974 nahm Mitchell an einer Audition für die von Paul McCartney gegründeten Band Wings teil, wurde jedoch abgelehnt. Etwa zwei Jahr später gehörte er zur Sessionformation Hinkleys Heroes um den Keyboarder Tim Hinkley, zu denen sich zeitweise auch Roger Chapman gesellte. Bei einem Konzert im Golden Lion in Fulham spielte er übrigens als erster Drummer überhaupt ein Schlagzeug der Marke Staccato bei einem Livekonzert (siehe d&p 6/2007).

Mitchell begann seine Karriere auf einem Premier-Set, ist aber von seinen Fans immer klar mit seinem Silver-Sparkle- Ludwig verbunden. Später sah man ihn hauptsächlich auf Gretsch (dort auch mit einem Double-Bassdrum-Kit), in den Achtziger- auf Sonor und ab den Neunzigerjahren auf DW. Seine Becken waren von Zildjian, Anfang der Achtziger spielte er aber auch eine Zeitlang Paiste. Mitchell kann es finanziell nicht wirklich gut gegangen sein, denn nach Berichten von Zeitzeugen konnten durch schlechte Verträge die Mitmusiker von Jimi Hendrix nicht an seinem Erfolg partizipieren, was zur Folge hatte, dass er eine Hendrix-Gitarre sowie seine wenige Anteile an den Rechten der Band verkaufen musste.

Mitch Mitchell

Im Jahr 1982 tourte er mit der Dave Morrison Band auf deren Pub-Tour durch Deutschland und nahm danach mit ihm das Album »Someone's in My Kitchen« auf. Fans hatten die Möglichkeit, Mitch aus nächster Nähe zu erleben – so übrigens auch der hier tätige Autor am 26. 5. 1982 in der Freiburger Gaststätte Auerhahn, vor weniger als 30 Zuschauern. 1990 brachte Mitchell mit Co-Autor John Platt ein Buch über die Bandgeschichte von The Jimi Hendrix Experience heraus. In den folgenden Jahren spielt er gelegentlich noch auf kleineren Produktionen. Im September 2008 sollte Mitchell zusammen mit Ginger Baker den »Zildjian Drummers Achievement Award« erhalten. Die Pressevorbereitungen waren bereits im vollem Gange, als Mitchell aus gesundheitlichen Gründen absagte – der Preis ging im Dezember 2008 an Ginger Baker allein.

Seine letzten Tage verbrachte er als einziger Überlebender der Jimi Hendrix Experience – Noel Redding war bereits am 11. Mai 2003 gestorben – mit der »2008 Experience Hendrix«-Tour. Fast vier Wochen wurde hier die Musik von Jimi Hendrix für Nostalgiker und neue Fans aufbereitet. Die 18-Städte-Tour endete in Portland/USA, wo Mitch Mitchell am 12. November 2008 in seinem Zimmer im Benson-Hotel tot aufgefunden wurde. Laut Polizeibericht starb er eines natürlichen Todes.
Auch wenn sich die kreativste Schaffensphase von Mitch Mitchell nur über ein paar wenige, aber sehr intensive Jahre erstreckte, wurde er bereits zu Lebzeiten zur Legende. Sein Name fiel stets im gleichen Atemzug mit denen von Keith Moon oder John Bonham. Play on Mitch, play the band...

Statements zu Mitch Mitchell

Mark Schulman

»Mitch Mitchell war für mich schon als Kind der absolut Größte. Als ich zum ersten Mal allein den Drumsound auf 'Are You Experienced?' hörte, hat's mich fast umgehauen. Da saß ich also, als Neunjähriger, und versuchte, 'Manic Depression' zu spielen – ironischerweise mit dem breitesten Grinsen, das man sich vorstellen kann, im Gesicht. Diese Platte hat mein Leben verändert. Heute habe ich verstanden, dass Mitch den britischen Trommlern eine neue Dimension hinzufügte – vor allem auch Ringo Starr gehört zu meinen Alltime-Favourites. Ich finde es schade, dass ich Mitch nie persönlich werde treffen können, aber sein Geist wird so lange in unserem Metier nachhallen, wie wir hören können.«

Bertram Engel

»Das Album 'Axis: Bold As Love' von der Jimi Hendrix Experience mit Mitch Mitchell am Schlagzeug muss ich wohl als größten Einfluss in meiner Musikerlaufbahn nennen. Der Groove von 'Little Miss Lover' hat mir zum ersten Mal gezeigt, wie unabhängig man mit Füßen und Händen agieren kann. Dieser Rhythmus wurde später noch oft auf anderen Platten ausgeliehen – zum Beispiel im 'Immigrant Song' auf 'Led Zeppelin 3' von John Bonham. Ich war damals, 1967, gerade zehn Jahre alt, und Mitch hat mich mit seinem Spiel – virtuos, aber trotzdem rotzig und rockig – einfach aus den Socken gehauen. Außerdem sahen Mitchs Bewegungen am Kit einfach supercool aus. Man hört schließlich auch mit den Augen. Mitch war mein erster Schlagzeugheld!«

Pete Lockett

»Für mich geht's mit dem Namen Mitch Mitchell zu dem zurück, warum ich überhaupt mit dem Schlagzeugspielen angefangen habe: Charakter und Individualität. Das genau wollte ich machen: meine eigene Persönlichkeit und meinen eigenen Sound entwickeln. Heute, denke ich, wollen zu viele Leute mehr oder weniger gleich klingen. Man muss also zu den Heroen der Vergangenheit zurückgehen, weil sie die Dinge einfach ganz anders angepackt haben. Diese Werte, den ganzen Bereich als Individuum anzugehen, brauchen wir gerade heute wieder.«

Chad Wackerman

»1970, ich war gerade zehn Jahre alt, spielte ich mit meinem elfjährigen Nachbarn, der eine Gitarre hatte, in 'unserer Band' [lacht]. Zum Geburtstag bekam er zwei Tickets für Jimi Hendrix und fragte mich, ob ich nicht mitgehen wolle. Also gingen wir natürlich hin, und ich konnte es einfach nicht fassen: Traffic als Vorband und dann Jimi, Billy Cox am Bass, Mitch am Drumset und diese Riesenwand von Verstärkern! Anders als heute spielten sie zwar ihre Songs, improvisierten aber auch unglaublich viel. Und gerade auch Mitch wollte es einfach wissen! Für mich hatte Mitch viele Einflüsse von Elvin Jones. Allein die Lockerheit. Die kam definitiv vom Jazz. Auf der anderen Seite hatte Mitch aber auch diese unglaubliche Energie und Kreativität. Hendrix machte damals, das muss man sich vorstellen, ja so etwas wie Popmusik. Auf der anderen Seite gab's aber dieses gewaltige Free-Moment, und das Publikum liebte das alles einfach. Dieses Erlebnis hat mein Leben für immer verändert! Als ich dann viele Jahre später bei Zappa vorgespielt habe, hat er sich ganz zum Schluss der Audition auch nur noch die Gitarre umgehängt, und wir haben im Trio improvisiert. Als wir anfingen, bekam ich eine Gänsehaut: Ich irgendwie sofort wieder in diesem Hendrix-Konzert. Mitch gehörte zu Hendrix wie Elvin Jones zu John Coltrane.«

Jürgen Zöller

»Ich habe Noel Redding in den Sechzigern, vor seiner Zeit mit Hendrix, kennengelernt. Da spielte er als Leadgitarrist in einer Band, in der ich im Frankfurter Storyville mal eine Woche ausgeholfen habe. Später war ich dann bei einem anderen Gig im Frankfurter Bahnhofsviertel, als auf einmal die komplette Experience auftauchte und einstieg. Die haben vielleicht ausgeteilt, kann ich dir sagen! Wir hatten die Kinnlade auf dem Fußboden. Eine Erscheinung wie ein Ufo! – Was soll man über Mitch Mitchell also sagen? Hör dir 'Hey Joe' oder was auch immer an! Einfach heute noch der Wahnsinn, der Typ. State of the art! Mein Gott, wie kann man so spielen?!«

Simon Phillips

»Ich bin mit der Musik der Experience aufgewachsen. Das hat mich natürlich geprägt – eigentlich alle von uns. Ich erkannte aber auch, wo Mitch stilistisch herkam. Wie viele andere britische Rockdrummer dieser Ära hat auch er schließlich mit Dixieland, Jazz und Skiffle angefangen. Da hat alles seine Wurzeln, was nur heute nicht mehr jeder unbedingt mitbekommt. Ich denke, dass Mitch auf eine bestimmte Art und Weise so viel von diesen Einflüssen auch gar nicht verändert hat. Er spielte lediglich eine ganz andere Musik – immer jedoch mit diesen Ursprüngen. Dazu kam auch eine ordentliche Portion Blues. Das alles war also irgendwie fast eine Art natürlicher Weiterentwicklung für einen britischen Drummer. Mitch fügte sein 'feel' und einen unglaublichen Sound hinzu. Wenn man heute Songs wie 'All Along The Watchtower' spielt, kommt man um das Original einfach nicht herum. Außerdem war Mitch auch persönlich ein wirklich netter, stets gut gelaunter Bursche. Wir haben uns immer mal wieder getroffen. Einer der ganz Großen, der uns damals wie heute vieles gezeigt und einfach tolle Musik hinterlassen hat.«

Wolfgang Haffner

»Ich kenne Mitch Mitchell lustigerweise über meine Schwestern, denn die waren seinerzeit große Hendrix-Fans. Ich war zehn, und schon damals ist mir aufgefallen, dass da etwas Besonderes passiert, obwohl ich es natürlich überhaupt nicht kapiert habe. Richtig umgehauen hat's mich dann vor fünf, sechs Jahren, als ich ein Livealbum in die Hände bekam. Da erst habe ich verstanden, was für ein genialer Trommler und, viel wichtiger, Musiker Mitch Mitchell war. Er spielte einfach verdammt banddienlich und dabei extrem dynamisch. Einer der wenigen Leute, bei denen man nicht sagen kann, ob er nun Rocker oder Jazzer ist. Einfach ein Musiker! Dieser 'overall vibe' hat mich eingepackt und mitgenommen. Mitch war als Gesamtkunstwerk einer, der mir wieder einmal bestätigt hat, wie wichtig es ist, als Trommler Musiker zu sein. Darum geht's doch letzten Endes.«

Benny Greb

»Die Zeit von Mitch Mitchell ist für mich eine der interessantesten gewesen, da sie so etwas wie die 'Geburtsstunde' des Rock, wie wir ihn heute kennen, ist. Gerade bei Mitch hat man eine perfekte Mischung zwischen Jazzsounds und -roots, Spielweise und entsprechender Denke, und einem jedoch rokkigen Resultat. Das alles hat natürlich auch viel mit der Kombination der Leute und der Lautstärke zu tun, in denen Mitch spielen musste. Da war halt eine bestimmte Klarheit gefragt. – Ich glaube, dass, wenn immer man etwas lernen will, man zu der Quelle zurück gehen muss, und Mitch Mitchell ist eine solche Quelle, die definitiv sehr viel verändert hat. Bei dieser Kategorie von Musikern kann man kaum ermessen, wie groß ihr Einfluss wirklich ist. Jeder, der heute Metal spielt, wäre ohne Leute wie Mitch Mitchell sicher einen ganz anderen Weg gegangen.«

Johnny Rabb

»Für mich war seine explosive, raue Kraft schon in der Jugend eine Inspiration. Ich erinnere mich jedoch, dass ich damals nicht benennen konnte, was so speziell an Mitch Mitchell war. In den letzten zehn Jahren habe ich mich immer wieder mit ihm beschäftigt und bin der Sache etwas nähergekommen. Es gäbe so viel über ihn zu sagen, dass es wohl eine Ewigkeit dauern würde. Seine Funkgrooves und die Energie am Set liebe ich einfach. Wie Animal in der Muppet Show [lacht]! Mitch und Keith Moon waren dafür ganz sicher auch Vorbilder. Mitch wird immer mein großer Einfluss sein, vor allem sein ganz individueller Sound.«

Carmine Appice

»Ich habe Mitch noch zehn Tage vor seinem Tod getroffen. A f****** lovely guy! – In den alten Tagen war Mitch einfach ein Tier, das sich jedoch niemals als Rock-, sondern immer als Jazztrommler verstanden hat. Aber, vor allem wenn man sich 'Axis: Bold As Love' anhört, er rockt einfach wie die Hölle! Mitch war nie ein 'Schläger', sondern spielte immer sehr elegant. Außerdem hatte Mitch ein unglaubliches Gedächtnis: Nach Hendrix Tod hat er in den Electric-Lady-Studios noch einige Sachen 'overdubbed', und er spielte dabei Note für Note, was er beim ersten Take eingespielt hatte. Er wusste es einfach. Das hat mich weggeblasen! Mitch, Keith, Ginger und meine Wenigkeit als einziger Amerikaner, wir waren wohl die ersten, die mit dem anfingen, woraus das Rockdrumming heute besteht. Wirklich traurig, dass Mitch so früh von uns gegangen ist. Rest in peace!«