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Pete Lockett

Das Ausnahmetalent

Pete Lockett zählt heute zu den versiertesten Percussionisten weltweit und gibt sein Wissen ebenso weltweit in Workshops weiter – wenn er nicht gerade irgendwo im Studio mit Filmmusik oder CD-Produktionen beschäftigt ist.

Pete Lockett

Lockett wuchs in einer nicht unbedingt gut betuchten Gegend in Portsmouth auf und verdiente sein Geld als Hafenarbeiter in den Docks. Eines Abends nach Feierabend kam er an einem Musikgeschäft vorbei und las den Aushang »Schlagzeugunterricht« im Schaufenster. Er war sofort fasziniert, ging in den Laden und machte einen Vertrag. Nach drei Unterrichtsstunden stieg er in eine lokale Punkband ein – und eine kaum vergleichbare Musikerkarriere hatte ihre erste Hürde genommen.

Pete Lockett

Das ist schon ein recht ungewöhnlicher Start, zumal du zu dieser Zeit bereits neunzehn Jahre alt warst und somit als Einsteiger recht spät dran...

»Klar, jedoch war ich in meiner ersten Punkband schon der Star. Im Prinzip ging es ja nur um schnelles 'Bum-Tschak', nicht mehr und nicht weniger. Mein Vorgänger hatte jedoch nie eine Bassdrum benutzt und häufig mitten im Song aufgehört, wenn er nicht weiter wusste. Nun kam ich, mit drei Unterrichtsstunden im Nacken, spielte komplette Songs durch – und setzte die Bassdrum ein. Für die Band war ich schon fast Buddy Rich [lacht schallend].«

Percussion kam also viel später in dein Repertoire?

»Oh ja, ich habe zuerst in den unterschiedlichsten Punkbands getrommelt und mein Können langsam verbessert. Da mich Percussion faszinierte, ich aber nicht viel Geld besaß, besorgte ich mir auf einem Flohmarkt ein Paar Tablas und begann darauf zu üben. Sicherlich der falsche Weg, da es eines der schwierigsten Instrumente überhaupt ist – zugleich aber eines, welches man zu Hause üben kann, ohne dass einem die Nachbarn aufs Dach steigen. Mein Nachbar war gerade aus einem Landeskrankenhaus entlassen worden, und immer wenn ich am Set übte, warf er mir alle möglichen Gegenstände an die Fensterscheiben. Das ermutigte auch nicht gerade. Ich bin dann immer in die Bücherei gegangen, habe mir dort indische Musik angehört, mir Notizen gemacht und versucht, das Gehörte aufs Set zu übertragen, was ganz ohne Notenkenntnisse und Technik natürlich nahezu unmöglich war. Ungefähr zwei Jahre später sah ich dann Ustad Zakir Hussain zusammen mit Ali Akbar Khan bei einem kostenlosen Konzert in einem Londoner Park spielen, und da war es endgültig um mich geschehen. Die Sounds, die er aus der Tabla holte, die unglaubliche Technik, bei der die Finger nahezu unsichtbar über das Fell schwebten, das wollte ich auch können, und so machte ich mich auf, einen Tablalehrer zu finden und mit ihm dieses Instrument zu studieren.«

Einige der James-Bond-Filme hatten Leadsheets, aber daran musste man sich nicht halten

Da muss schon eine unglaubliche Faszination gewesen sein, dies durchzustehen, wo manche Spieler mindestens ein Jahr benötigen, die ersten richtigen Töne aus der Tabla zu bekommen.

»Das war so. Es hat fast achtzehn Monate gedauert, die erste Figur in Perfektion zu spielen, aber dann hatte es mich richtig gepackt, und ich habe mich total in die Technik gekniet. Als Nichtinder fehlte mir natürlich die ganze Vorgeschichte. Wenn du in Indien aufwächst, wirst du mit den Tablasounds groß, siehst die Handbewegungen und Abläufe der Technik und hast somit eine Art Vorbildung. Als Kind lernst du ja auch schneller und einfacher. Ich habe eben als zweiundzwanzigjähriger Engländer damit angefangen – und es hat geklappt! Mit Musik hatte ich schließlich etwas für 'mich' gefunden, und das war schon hilfreich. Schule, Unterricht, Jobs – das war nie etwas für mich gewesen. Die Musik schon.«

Pete Lockett

Wovon hast du denn in dieser Zeit gelebt?

»Vom Gedanken daran, diese indische Musik zu verstehen und als Tablaspieler akzeptiert zu werden. Ich habe einige kleinere Gigs gespielt, und das hat mir gereicht. Ich hatte viermal vier Stunden Unterricht in der Woche, habe in meinem Apartment gesessen und geübt wie ein Verrückter. Und das über einen Zeitraum von sieben Jahren. Das war, so sehe ich es heute, meine Universitätszeit. Musik war und ist immer noch alles; die beiden ersten Jahrzehnte meines Lebens waren eher verschenkt. Aber darüber denke ich heutzutage nicht mehr nach. Ich habe einfach eine Disziplin entwickelt, die mir sehr weitergeholfen hat. Ich sehe es einfach so, dass wenn ich einen musikalischen Raum betrete, sich mir hundert weitere Türen öffnen, und ich denke, was für ein Glück ich habe, all dies noch lernen und erfassen zu können. Man könnte natürlich auch sagen: Oh Gott, das ist sooo viel. Das schaffe ich nie im Leben. Aber solch ein Typ bin ich halt nicht! Ich habe Ehrgeiz und Disziplin und will immer dazulernen. Für mich ist Musik etwas Natürliches, und einiges fällt mir leichter als anderen Menschen. Aber es gibt auch positive und negative Lehrmethoden: Es gibt Lehrer, die nur kritisieren und nie loben, was ich für die schlechtere Methode halte, wenngleich ich verstehe, auf was sie hinauswollen. Sie möchten nie einen Ruhepunkt in ihren Schülern fördern, sondern diese immer wieder herausfordern, was jedoch nicht bei jedem Menschen funktioniert. Ich hatte gute Lehrer, und das war ebenfalls hilfreich. Gerade über indische Lehrer gibt es die verrücktesten Geschichten – das geht sogar so weit, dass Schülern die Fingerkuppen abgeschnitten werden, wenn sie nicht genug üben. Also respektiert euren Lehrer beim nächsten Mal etwas mehr – und achtet auf eure Finger [lacht].«

In Indien selbst warst du aber erst viel später?

»Genau. Das war Jahre später auf einer Tour mit Selva Ganesh, und es war eine tolle Erfahrung, diese Multikultitournee. Da habe ich dann auch keinen wirklichen Unterricht mehr gehabt, sondern eher durch das Zusammenspiel und Gespräche gelernt. Man wird auch wesentlich relaxter dort, da zum Beispiel Soundchecks immer der absolute Horror sind und keiner wirklich weiß, wo es gerade lang geht. Absolutly nightmare! Aber ich liebe Indien. Alles dort ist schnell und bunt, das Essen unglaublich und mir kommt es immer vor, als würde man sein Leben in der Trommel eines Wäschetrockners verbringen – so wird man geistig und körperlich durchgeschüttelt in Indien.«

Wie bist du zur Studioarbeit und speziell zur Filmmusik gekommen?

»Das ist einfach so gekommen, ohne dass ich es forciert hätte. Ich habe mit einer Band gearbeitet, und der Drumroadie kannte jemanden aus der Studioszene. So bekam ich den ersten Job, und daraus wurden über die übliche Mundzu-Mund-Propaganda nach und nach mehr. So habe ich die Percussionspuren einiger Hollywoodfilme eingespielt, unter anderem waren da mehrere James- Bond-Filme dabei. Es macht zwar Spaß, diesen kreativen Input bei solchen Filmen zu geben, aber lieber arbeite ich an meinen eigenen Alben oder spiele Konzerte. Da hat man mehr Kontrolle über sein Schaffen, und die Energie, die vom Publikum zurückkommt, ist durch nichts zu ersetzen. Diese Interaktion, davon und dafür lebt man als Musiker.«

Für diese Arbeit musst du ja auch weitere Instrumente beherrschen. Hast du dir das Spiel mit beispielsweise Congas ebenfalls selbst beigebracht?

»Im Prinzip schon. Ich habe mir die Basis betrachtet und damit begonnen, das Instrument für mich zu entdecken. Aber wie bei den Tablas geht es mir eher um die Sounds und Möglichkeiten, die einem ein Instrument bietet. Ich bin weniger an den Traditionen interessiert, welche den Instrumenten anhaften. Wenn man zu sehr in die Traditionen vertieft ist, kann es sein, dass man die eigene Kreativität hintenan stellt, und das möchte ich nicht. Ich bin ja auch kein traditioneller Tablaspieler bzw. wenn ich die Congas nutze, bedeutet es nicht, dass ich Latinmusik mache. Ich bin ohnehin am meisten mit indischen Rhythmen beschäftigt und weniger in der restlichen Percussionwelt. Weitere Instrumente zu erlernen fällt mir daher auch leichter, da man recht schnell einen Sound, einen guten Ton erhält. Bei indischen Instrumenten wie eben der Tabla oder der Mridangam ist das kaum möglich, und man benötigt sicherlich zwei Jahre, bevor man mit ihnen Musik machen kann – was durchaus frustrierend für den Schüler ist. Ich weiß nicht, ob ich heutzutage noch in der Lage wäre, mit einem solchen Instrument zu beginnen. Aber Gott sei Dank muss ich das ja auch nicht! Die unterschiedlichen Spieltechniken bei Conga, Udu, Bongos und so weiter bereiteten mir keine Probleme. Da bin ich zügig durchgekommen, und mit etwas Kreativität kann man 'mangelndes Können' häufig auch überspielen. Man benötigt lediglich das notwendige Selbstbewusstsein.«

Ich spielte komplette Songs und war für die Punks schon fast eine Art Buddy Rich

Hattest du dieses bei deiner ersten Studiosession schon?

»Das war ein Album mit der Band Thunder, die in diesem Jahr ihre Abschiedstournee spielen. Ich spielte reichlich Soundeffekte, auch etwas Tablas – und es war gut bezahlt. Ich erinnere mich, dass der Regieraum komplett in schwarzen Stoff mit Kreuzen und Totenköpfen gehüllt war und ich mit meinen Tablas schon etwas verloren wirkte.«

Das dürfte sich heutzutage aber gewandelt haben, oder?

»Ja, da ich lediglich von Leuten angerufen werde, die meine Arbeit kennen und zu schätzen wissen. Man will meinen Input, all die exotischen Instrumente, und in der Regel habe ich bei dem, was ich mache, freie Hand. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wann mir jemand vorgeschlagen hat, was ich spielen soll. Ich bin zwar auch notenfest, aber in der Regel will man meine Kreativität. Einige der James-Bond-Filme hatten Leadsheets, aber daran musste man sich nicht halten. Das Arrangement ist meist sehr offen für Percussion, und genau das genieße ich an diesem Job. Lediglich wenn es komplizierter wird, greife ich zu den Noten als Orientierung zurück. Ansonsten verlasse ich mich lieber auf mein Gespür und Gehör. Ich mag ungerade Rhythmen und exotische Einflüsse, und vieles ist kreativ einfach ein Genuss – aber, wie bereits gesagt, ich bevorzuge immer noch das Livespielen. Es gibt mir am meisten zurück.«

Pete Lockett

Mittlerweile spielst du ja auch viel in Indien mit indischen Musikern und hast sogar mit Zakir Hussain gearbeitet, deinem einstigen Vorbild.

»Ich habe allein sechs Alben in den letzten achtzehn Monaten in Indien produziert, teils mit sehr alter indischer Musik – und ich liebe es. Die Musikszene ist in Indien komplett anders, Musik gehört zum Leben und zur Kultur dazu, ist kein Gebrauchsartikel, wie dies in Europa oder den USA der Fall ist. Man beschäftigt sich mit Musik, hört intensiver zu, und daher macht es Spaß, für ein solches Publikum zu spielen. Bei uns gehört die Musik und Kunst nicht mehr zur Kultur. Das Konzept von 'Berühmtheit' ist bei uns ein anderes. Big Brother oder Superstar haben maßgeblich dazu beigetragen. Kunst und Können gehören nicht mehr unmittelbar zusammen. Da ist Indien schon noch konservativer – so wie Europa früher. Aber die westlichen Einflüsse sind auch dort kaum noch zu übersehen, und ein klassisches indisches Album verkauft sich auch dort kaum noch. Leute wollen mehr moderne Musik hören. Daher muss man auch dort umdenken, wenn man als Musiker überleben will. Aus diesem Grunde spielt ein Musiker wie Zakir Hussain auch mehr außerhalb Indiens. Ich hatte die Ehre, bei einen Konzert zu Ehren seines Vaters mit ihm zu spielen, und das war für einen kleinen Europäer wie mich schon eine tolle Erfahrung.«

Wie schätzt du dich heute ein? Bist du immer noch ein Schüler der Tablas, der ständig dazulernt?

»Always. Das hört nie auf. Ich habe natürlich keine Stunden mehr, aber entdecke immer noch neue Dinge, die mich faszinieren und die ich erlernen möchte. Ich war gerade zum Urlaub in Mexiko, und dort habe ich bei vierzig Grad im Schatten einige indische Tablasoli transkribiert. Musik spielt eben immer und überall eine Rolle in meinem Leben. Da meine Frau Pianistin ist, versteht sie das auch, und die Partnerschaft funktioniert gut.«

In Marktoberdorf, beim »Rhythm Camp«, hast du gesagt, man solle alles, was man spielt, auch singen können. Ist das in der Realität überhaupt möglich?

»Klar ist es möglich. Es gibt das phonetische Alphabet für die Tablas, und damit ist es möglich, so etwas zu bewerkstelligen. Auf der neuen DVD von Benny Greb ist dieser Thematik ein Kapitel gewidmet, und das ist lediglich eine vereinfachte Version dieser Phonetik. Es gibt auf der DVD einige Kompositionen von mir, und es hat unglaublichen Spaß gemacht, mit Benny zu arbeiten. Er hat es dann in 'seine' Sprache übersetzt und wird sicherlich enormen Erfolg damit haben. Die Phonetik zu beherrschen dauert Jahre, aber wenn man es kann, dann ist es extrem hilfreich – in jeder Art von Musik. Für einen Instrumentalisten ist es ein geniales Konzept. In meinem Buch gehe ich auch genau darauf ein und übertrage es auf das Drumset. Steve Smith ist jemand, der den Sinn verstanden hat, und es für sein Spiel nutzt. Er hat sich dafür wieder zum Schüler gewandelt, der er eigentlich ohnehin immer war, und bildet sich nun in indischer Rhythmik weiter. Wirklich einzigartig.«

Was steht für dich als nächstes an?

»Kingdom Rhythm, ein Projekt mit einem indischen Tablaspieler namens Bickram Ghosh, steht bevor und einige Gigs mit einem japanischen Drummer. Beides recht moderne Projekte, die eine gute musikalische Aussage haben und nicht nur auf reiner technischer Darbietung beruhen. Ich denke zudem über eine DVD nach, bin aber noch nicht sicher beim Konzept des Ganzen. Es soll nicht mit dem Buch zu tun haben, was nicht so technisch ausgerichtet ist [fängt an, einige 'tak ke tina'-Übungen aus dem Buch vorzusingen]. Das Buch sollte jedem ermöglichen, den Einstieg in die indischen Rhythmen zu finden, und die Resonanz bisher war sehr gut. Aber eine DVD sollte schon was anders bieten – nicht nur Beispiele zum Buch.«

Pete Lockett

Du hast zuletzt auch eine Tour in den Niederlanden gespielt in einem percussiven Quintett – u. a. mit Simon Phillips, der mit indischer Rhythmik nicht viel zu tun hat, oder?

»Das ist ja gerade das Interessante an der Zusammenarbeit mit großartigen Musikern. Es geht darum, musikalische Brücken zu bauen, ein neues Konzept zu entwickeln, in dem sich jeder verwirklichen kann. Mit Simon war es großartig; er ist so in sich gefestigt und hat seinen persönlichen Stil, den man immer heraushört. Steve Smith, Bill Bruford oder auch Gary Husband sind da recht ähnlich. Großartige Musiker – eigenständig, aber auch immer offen für etwas Neues, was sie persönlich musikalisch wie menschlich weiterbringt.«

Spielst du eigentlich auch noch ein anderes Instrument außerhalb der Percussion?

»Leider nein. Ich programmiere recht häufig Dinge, und auf dem neuen Album singe ich erstmalig. Keine Texte, sondern eben in meiner persönlichen Art – aber es war großartig, hat besser geklappt als ich gedacht hatte.«

Eine letzte Frage: Was haben all die Tattoos, die deinen Körper bedecken, zu bedeuten?

»Das ist eine Sache aus meiner Jugend. Ich wuchs in einer nicht ganz so freundlichen Gegend auf, und da dienten die ganzen bunten Bilder eher der Abschrekkung. So kam man nachts mit Zähnen wieder nach Hause, wenn man den Pub besucht hatte. Zudem ist es eine typisch britische Geschichte, die ich heutzutage nicht unbedingt wiederholen würde.«

EQUIPMENT

Pete Lockett:
Remo Percussion, Drums und Felle
Zildjian-Cymbals
Pro-Mark-Sticks
Dixon-Hardware

INTERNET

Weitere Infos gibt es unter:
Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.petelockett.com