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Zildjian Drummers-Achievement-Award

Ein Abend für Ginger

Der Drummers-Achievement-Award (ZDAA) wird von Zildjian alle fünf Jahre vergeben. Jetzt geschah dies erstmalig nicht in Amerika, sondern in England, und die Auszeichnung ging im Jahr des 385. Firmenjubiläums an eine britische Trommlerikone, die ihn wahrlich verdient hat: Peter Edward, besser bekannt natürlich als »Ginger«, Baker.

Damit steht Baker nun in einer Reihe mit Louie Bellson, Roy Haynes, Elvin Jones und Max Roach (Award 1998) sowie Steve Gadd (Award 2003). Eigentlich hatte auch Jimi-Hendrix-Drummer Mitch Mitchell den Award bekommen sollen, wäre er nicht einige Wochen vor der Preisverleihung gestorben. Die Gedanken galten an diesem wahrlich denkwürdigen Abend im altehrwürdigen Shepherd's Bush Empire in London daher auch ihm.

Das Zildjian-Team hatte freilich ein Programm der Superlative zusammengestellt, den englischen Rockdrummern und speziell natürlich Ginger Baker gerecht zu werden. Wobei der gute Ginger an dieser Stelle auf seine schier unnachahmliche und direkte Art gleich eingehakt hätte, denn Ginger ist alles andere als ein Rockdrummer. In seiner Brust schlägt das Herz eines Jazzers – und er ist eigentlich nie etwas anderes gewesen. Ob es nun bei Mr. Lightfood, Acker Bilk, Alexis Corner's Blues Incorporated, der Graham Bond Organisation, natürlich bei Cream mit Jack Bruce und Eric Clapton, Blind Faith oder Ginger Baker's Airforce und so weiter und so fort war, die Liste der Gruppen und damit der unverwechselbaren Fußabdrücke, welche Ginger Baker in der Geschichte der Jazz-, Rockund nicht zuletzt auch der Weltmusik hinterlassen hat, sind unverkennbar.

Ginger Baker
Ginger Baker
Jack Bruce
Jack Bruce
Keith Carlock
Keith Carlock
Simon Phillips
Simon Phillips
Abass Rehearsal
Abass Rehearsal

Dies galt es, gebührend zu feiern. Um es gleich vorwegzunehmen: Eric Clapton – auf dessen Erscheinen sicher nicht gerade wenige gehofft hatten – konnte an diesem Dezemberabend leider nicht anwesend sein. Er schickte jedoch eine Videobotschaft. Doch auch mit diesem kleinen Wermutstropfen las sich das Programm wie die Speisekarte in einem Feinschmeckerrestaurant. Der Abend begann mit einigen kurzen Worten von Craigie und Debbie Zildjian, beides Töchter von Armand Zildjian und damit Stammhalter der Familie, die seit 1623 die Geschichte der Cymbals beim alchemistischen Versuch, Gold zu erzeugen, nichts weniger als revolutioniert hat. Anschließend gab's den ersten musikalischen Tribute-Leckerbissen des Abends, durch den übrigens der britische Comedian Al Murray führte, mit einer Band um Stings Keith Carlock. Ray Russell, seit vier Jahrzehnten berufener Saitenzupfer in verschiedenen Bands von Tina Turner bis Cliff Richard, spielte die sechs, kein Geringerer als Tony Levin (Peter Gabriel, King Crimson u. a.) die fünf tieftönenden Saiten. Steve Balsamo (u. a. in »Jesus Christ Superstar« im Londoner West-End unterwegs) lieh der Band seine Stimme. Selbstverständlich standen hauptsächlich Cream-Nummern auf dem Programm. Das Ganze wurde eröffnet mit »I'm So Glad«, das manchem sicher zum Motto des Abends geworden sein dürfte. Es folgten »Badge«, »White Room«, »Born Under A Bad Sign« und – als Verneigung vor Mitch Mitchell ¬– Hendrix' »Manic Depression«. Dass vor allem Carlock hierbei besonders unter Strom stand, merkte man ihm schnell an, denn er spielte sich voller sichtlicher Freude mehr oder weniger um Kopf und Kragen.

Die nächste Tribute-Band des Abend - angekündigt von keinem Geringeren als Formel-1-Legende Eddie Jordan – setzte sich aus Simon Phillips (dr), Gary Husband (keys, u. a. bei Level 42) und wiederum Tony Levin, Steve Balsamo sowie Ray Russell und großem Bläserbesteckt (s. u.) zusammen. Auch hier gab's Interpretationen von Hendrix-Klassikern wie »Spanish Castle Magic« und Songs von Blind Faith – in allerdings recht trickreichen Arrangements. Dazu servierten die Musiker einige Kompositionen, die eher im Fusionfahrwasser angesiedelt waren.

ZDAA Keith´s Band
ZDAA Keith´s Band

Nach der Pause ging es weiter mit einer Band um Paul-Weller-Drummer Steve White, Damon Minchella (b, u. a. bei Paul Weller und Paul McCartney) und Seamus Beaghen (keys, u. a. bei Morrissey, Madness, Iggy Pop) – die drei spielen normalerweise als »Trio Valore« zusammen – und wiederum einem ganz besonderen Gast: Hammondlegende Jon Lord (Deep Purple, ach was?!). Gemeinsam ging man ein mächtiges Stück in der Zeit zurück, und zwar bis zur Graham Bond Organisation in die frühen Sechziger. Damals waren Songs wie »Wade In The Water« oder »Spanish Blues« wahre Straßenfeger und für die aufkeimende Londoner Musikerszene, die nur ein wenig später bekanntlich schon ordentlich »swingen« sollte, schlichtweg einer der großen Ideenpools. Dazu gab's, sozusagen als Krönung, eine Version von »Fire«.

And the award goes to...

Charlie Watts und Ginger Baker
Charlie Watts und Ginger Baker

In einer Videodokumentation ließ Bob Henrit (u. a. Drummer bei den Kinks) anschließend das – wahrlich bewegte – Leben von Ginger Baker Revue passieren, bevor dieser dann endlich auf die Bühnenbretter trat und seinen Award in Empfang nahm. Für die eigentliche Übergabe hatte man natürlich nicht irgendwen eingeladen, sondern Rolling- Stones-Drummer Charlie Watts, der Ginger damals bei Alexis Korner's Blues Inc. den Trommelhocker überlassen hatte. Es war freilich ein bewegender Moment, die beiden noch einmal zusammen auf einer Bühne zu sehen.

Dann wollte man aber auch endlich etwas hören vom großen Meister, der den Jazz seinerzeit mit seinen afrikanischen Wurzeln irgendwie 'wiedervereinte' und so nichts weniger als einen Urknall in Sachen Solo- und Banddrumming herbeiführte. Und bereits nach zwei Schlägen war klar: So spielt einfach nur Ginger Baker! Das tat er hier mit Unterstützung von der afrikanischen Trommlerlegende und Afrobeat-Pionier Tony Allen (Fela Kuti), Peter King (sax, der schon bei der Eröffnung von Ronnie Scotts berühmtem Londoner Jazzclub gespielt hatte), Courtney Pine (sax, u. a. bei Cassandra Wilson) und Gerard Presencer (tr, der bei der US3-Version von »Cantaloop Island« Trompete spielt). Dazu gab's als Krönung einen Basssound, wie er ebenfalls unverwechselbarer kaum sein kann. Man hätte nicht einmal hinschauen müssen, wer da mit (meist) nur einem Finger die Saiten zupft: Jack Bruce. Zusammen ging diese Band in verschiedene Abschnitte von Ginger Bakers Musikerleben und begann ihre Zeitreise in den Swingzeiten der Fünfziger.

Jon Lord
Jon Lord
Ray Russell
Ray Russell
Tony Allen
Tony Allen
Tony Levin
Tony Levin

Und hier zeigte sich schnell, wo zum einen die Musiker und deren unnachahmlicher Stil eigentlich herkommen, und zum anderen, dass die Jungs ihr Handwerkszeug einfach immer noch beherrschen. Sie spielten so, als wären die letzten gut fünfzig Jahre schlichtweg nicht passiert – und das auf eine Art und Weise, wie wohl nur Briten Jazz spielten können: eckig, kantig, rumpelig – und dabei doch irgendwie rund. Im Anschluss stand »Traintime« auf dem Programm, mit dem Baker und Bruce nicht allein zu Cream-Zeiten schon Geschichte geschrieben haben. Zum Nachtisch gab's dann selbstverständlich den weiten Sprung nach Afrika, Ginger Bakers derzeitiger Heimat. Hier stand eine, naturgemäß recht lange, Nummer auf dem Programm, die an die Zeiten von Ginger Baker's Airforce erinnerte. Natürlich konnten sich hier alle Musiker – allen voran Baker und Allen mit percussiver Unterstützung – vollends ausleben – und das in ihrer zweifelsfrei stärksten Disziplin: der gemeinsamen Improvisation.

So zeigte dieser unvergessliche Abend in London vor allem eines: Ginger Baker hat diesen Preis ganz zu Recht bekommen, denn sein Auftauchen in der Londoner Musikszene der Sechzigerjahre hat dort – nicht allein, aber eben maßgeblich – so einiges losgetreten, ohne das vieles, das wir heute so fröhlich und mit Selbstverständlichkeit hinnehmen, nicht oder zumindest nicht in dieser Form möglich gewesen wäre. Danke, Ginger – und hoch, die Tassen!

INTERNET

Weitere Infos gibt es unter:
Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.zildjian385.com

Story aus drums&percussion Mai/Juni 2009